Was ist aus denen wohl geworden?

Unverhoffte Fahrt ins Glück.
Unverhoffte Fahrt ins Glück.

Eine junge Sekretärin vor einer schweren Entscheidung / Wundersame Fügung und eine Hochzeit mit Kaviar und Champagner

shz.de von
07. März 2018, 06:48 Uhr

Im Laufe seines Lebens trifft man auf eine Vielzahl von Menschen, die einen beruflich oder privat eine Zeit lang durch das Leben begleiten. Nicht wenige vergisst man. Manche hat man aus den Augen verloren und fragt sich in seinen alten Tagen, was aus der oder dem wohl geworden ist.

Es liegt fast 60 Jahre zurück, als meine Sekretärin weinend in mein Arbeitszimmer kam. Es war eine hübsche, intelligente, mehrsprachige junge Dame, etwa 25 Jahre alt. Der Grund ihres Kummers: Sie war schwanger von einem Freund, der jedoch verheiratet war und ihr nicht helfen konnte. Wenn sie das Kind bekäme, hätte sie ihre Freiheit verloren, ihre ganze Lebensplanung wäre zerstört. Sie war völlig verzweifelt.

Damals gab es weder Hartz 4 noch Kitas. Eine ledige Mutter musste berufstätig sein, um den Unterhalt für sich und das Kind zu verdienen. Außerdem musste sie jemand finden, der für das Kind sorgt, solange sie arbeitet. Die Abtreibung eines Kindes war praktisch uneingeschränkt strafbar. Doch wo kein Kläger war, gab es auch keinen Richter. Und so wurde auch abgetrieben.

Ich fragte sie, mit wem sie sich schon beraten habe, um zu gegebener Zeit Hilfe zu bekommen. Sie sagte jedoch ganz bestimmt, sie wolle hier niemand ins Vertrauen ziehen. Dann brauche sie sich auch vor niemand für ihre Entscheidung zu rechtfertigen. Da gab es offensichtlich sonst keinen Menschen, mit dem sie ihr Problem besprechen konnte.

Doch wie konnte ich ihr beistehen? Wie immer sie sich entschied, für oder gegen das Kind, die Folgen waren schwerwiegend. Wir schwiegen lange. Ich erkundigte mich nach ihrem Verhältnis zu ihren Eltern. Die seien schon zu alt und wohnten weit entfernt. Es gab keine Verwandte oder Freunde. Auf keinen Fall wollte sie ihren jetzigen Arbeitsplatz verlieren. Wir schwiegen wieder lange. Schließlich erzählte ich ihr: Mein bester Freund wurde unehelich geboren. Seine Mutter, die ich kennenlernte, hat ihren Sohn unter großen Opfern und manchem Verzicht aufgezogen und ihm eine sehr gute Ausbildung gegeben. Mit ihrem Kind hat sie leider keinen Mann gefunden und blieb ledig. Ihr Sohn ist ihr Ein und Alles.

Wir vereinbarten, in Kürze in Ruhe unser Gespräch fortzusetzen. Inzwischen bat ich meine Frau, alle Möglichkeiten herauszufinden, die in einem solchen Fall helfend unterstützen können. Als wir uns wieder trafen, um unsere Überlegungen fortzusetzen, hatte sie ihren Eltern doch von ihrer Schwangerschaft berichtet. Die hatten sich verständnisvoll gezeigt und waren bereit, für ihr Kind zu sorgen und es bei sich aufzuziehen, bis ihre Tochter diese Aufgabe irgendwann selbst übernehmen konnte. Auch ich war sehr erleichtert über diese Lösung. Das Kind kam auf die Welt und war entzückend.

Etwa ein halbes Jahr später kam sie strahlend in mein Arbeitszimmer. Sie hatte mir etwas zu erzählen. Der Gynäkologe, der sie bei ihrer Schwangerschaft betreut und entbunden hatte, habe sich in sie verliebt und sie sich in ihn. Nun wollten sie heiraten. Sie und ihr zukünftiger Mann bäten mich, Trauzeuge zu sein. Ein unglaubliches Happy End. Ich sagte gerne zu. Nach der Trauung sollte in kleinem Kreis gefeiert werden in einem Hotel, das mir als Luxusherberge bekannt war.

Wir waren zu viert. Der junge Ehemann war Österreicher. Er hatte vorübergehend in Deutschland gearbeitet und inzwischen eine Praxis in seiner Heimatstadt eröffnet. Er wollte verheiratet zurückkommen mit Frau und „seinem“ Kind. Das Hochzeitsmahl bestand aus Champagner und Kaviar, sonst nichts. Am Nachmittag stiegen die beiden in sein Auto, einen Porsche, und brausten davon.

Was aus ihr wohl geworden ist? Inzwischen ist sie, wenn sie noch lebt, eine alte Dame. Vielleicht hat sie Enkel oder sogar Urenkel. Vielleicht hat sie, wie ich, unsere Begegnung in den für sie so ereignisreichen Tagen, nicht vergessen.

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