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Gewalt gegen frauen : Warum hat keiner geholfen?

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Gabriele Trede-Atayi hilft Frauen in Eckernförde und Rendsburg, die missbraucht oder geschlagen wurden.

Rendsburg-Eckernförde | Nach den sexuellen Übergriffen an Silvester in Köln, Hamburg und Berlin ist ganz Deutschland schockiert über das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen. Auch Sozialpädagogin Gabriele Trede-Atayi (53) von der Frauenberatungsstelle !Via in Rendsburg und Eckernförde kann kaum fassen, was dort an öffentlichen Plätzen passiert ist.

Frau Trede-Atayi, wie schätzen Sie die Ausschreitungen in der Silvesternacht ein?

Es ist wirklich erschreckend. Gewalt gegen Frauen, die von einer so großen Gruppe ausgeht – das ist eine ganz neue Dimension. Am meisten schockiert mich aber, dass den Frauen so wenig geholfen wurde. Da waren doch Polizisten, viele Menschen, es waren öffentliche Plätze. Ich verstehe nicht, warum sie nicht eingegriffen haben.

Sind Ihnen Übergriffe von größeren Männergruppen auch in Rendsburg oder Eckernförde bekannt?

Natürlich nicht in solchem Ausmaß, aber es kommt auch hier vor, dass Frauen gleich von mehren Männern belästigt und bedrängt werden. In der Gruppe fühlen sie sich stärker, die Hemmschwelle ist geringer. Sie denken: „Wenn mein Kumpel das macht, kann ich das doch auch tun.“

Wie sollte man als Frau in solch einer Situation reagieren?

Aufmerksamkeit erregen. Das ist ganz wichtig. Und nicht einfach um Hilfe schreien, sondern am besten jemanden direkt ansprechen. „Du mit der roten Jacke. Du mit der Brille. Bitte hilf mir!“

Auch bei uns kommt es immer wieder zu Belästigungen und Gewalt. Jährlich nehmen rund 600 Frauen ihre Beratung in Eckernförde und Rendsburg in Anspruch. Wie helfen sie den Betroffenen?

Zunächst einmal müssen wir den meisten deutlich machen, dass sie keine Schuld haben. Viele denken, dass sie mit dafür verantwortlich sind. Dass sie einen zu kurzen Rock getragen und den Übergriff so provoziert haben zum Beispiel. Das ist aber falsch. Es geht in erster Linie um die Täter. Sie sind die Schuldigen, nicht die Opfer.

Welche Frauen suchen bei Ihnen Hilfe?

Jüngere kommen selten, die meisten sind über 40 Jahre alt. Die Übergriffe liegen oftmals schon etwas zurück. Es sind aber ganz unterschiedliche Frauen und Fälle. Einige wurden jahrelang von ihrem Vater missbraucht, andere von ihrem Ehemann geschlagen. Irgendwann stellen sie dann fest, dass es sie noch immer belastet und sie es nicht alleine verarbeiten können. Dass eine Frau direkt nach einer Vergewaltigung auf uns zukommt, ist die Ausnahme. Meist dauert es, bis sie sich Hilfe suchen. Gerade die Jüngeren wollen das Erlebte nur schnell vergessen.

Wie wirken sich solche Ereignisse auf die Betroffenen aus?

Die Taten haben massive Folgen für die Opfer. Das Gefühl von Scham und Hilflosigkeit zum Beispiel. Schlafstörungen, Kopf-, Bauch- und Unterleibsschmerzen treten häufig auf. Außerdem sind sie nach dem Erlebten oft schreckhafter und ängstlich. Wir versuchen, das durch die Aussprache zu minimieren. Sie sollen die Kontrolle und Selbstbestimmung zurückbekommen.

Wie genau schaffen sie das?

Wir sind zunächst einmal Zuhörer, stellen uns auf die Frauen ein. Sie dürfen bestimmen, wie das Gespräch verlaufen soll. Wir unterstehen der Schweigepflicht, nichts verlässt den Raum, wenn sie es nicht wünschen. Natürlich zeigen wir ihnen auch die rechtlichen Möglichkeiten auf. Wir hatten zum Beispiel mal einen Fall, bei dem es um jahrelangen Kindesmissbrauch ging. Die Betroffene wollte ihren Vater anzeigen. Ihr machten wir klar, dass die Aussicht auf Erfolg nur gering ist, da die Taten schon lange zurückliegen und die Beweise möglicherweise nicht ausreichen. Der Mann kam frei.

Ist die Beratung kostenfrei?

Ja, die Beratung wird durch öffentliche Mittel finanziert. Eine Sitzung dauert 50 Minuten. Bei Bedarf werden mehrere Termine angeboten.

> Anfragen per Mail an: via-rendsburg-eckernfoerde@t-online.de

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