zur Navigation springen

Wartezimmeransichten – eigentlich ist nichts passiert

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Wenn die Wartezeit lang wird: Schuhparade im Wartezimmer / Auch geredet wird meist wenig

Da sitze ich – sehr pünktlich, und weiß doch schon, dass ich mindestens eine halbe Stunde warten muss, bis ich dran bin. Es ist immer so!

Also betrachte ich die Schuhe der mit mir Wartenden, jeder Stuhl ist besetzt, das sind ganz schön viele Schuhe. Meistens sind es Turnschuhe, und obendrein meistens braune mit langweilig graubraunen Socken. Ich schaue nach oben in die Gesichter. Fast alle sind recht alte Gesichter, gibt es da nicht noch andere Schuhe? Zwei junge Mädchen sitzen allerdings auch da, auch mit Turnschuhen, ein wenig farbenfroher, barfuß, dafür mit dem Handy in der Hand, obwohl ein Schild darauf hinweist, kein Handy zu benutzen.

Und dann diese Stille! Ein Mann schläft fast ein, keiner redet mit dem anderen, nicht einmal die Ehepartner – doch, jetzt flüstert er ihr etwas ins Ohr, immerhin, aber ein Gespräch wird es dann doch nicht.

Neben mir sitzt ein alter Mann mit Rollator und sieht aus wie ein 20 Jahre nicht gesehener Herr K. – ich will ihn schon darauf ansprechen, ob wir uns kennen, da wird „Herr Hoffmann“ zum Arzt gerufen. Hat sich wohl erledigt mit Herrn K., er muss auch schon tot sein, wenn ich es recht bedenke, denn er war vor 20 Jahren schon recht alt.
Fast herrisch heißt es plötzlich: Herr B. nochmal! Und Frau E. auch gleich!

Erschrocken ob gesprochener, und dann noch so harscher Töne sitze ich gleich viel gerader. Dann wird eine junge Frau, sie liest tatsächlich in einer Zeitschrift, von denen eine reichliche Auswahl zur Verfügung steht, jäh aus ihrem Text gerissen. Auch sie ist dran.

Bald sind alle, die vor mir mit braunen und grauen Socken und Turnschuhen dort saßen, verschwunden, also muss auch ich wohl gleich an der Reihe sein. Ein Blick aus dem Fenster, draußen sehe ich eine Uhr, genau, die halbe Stunde ist schon überschritten. Dann kommt doch wirklich zwischen zwei jungen Mädchen ein Gespräch auf! Ach so, sie zeigen sich irgendetwas in ihren Handys. Aber sie lachen, das ist doch schon was.

Nun zieht es einer Frau neben mir plötzlich, ich hatte mich schon gefreut, dass zwei Fensterklappen offenstanden und die Luft nicht so stickig wie meistens in Wartezimmern war. Naja, gleich bin ich ja dran… Dann nach 45 Minuten die Sprechstundenhilfe: Frau Hoffmann bitte!

Meinem Arzt erzähle ich, dass ich meine Beobachtungen zu Papier bringen werde, da lacht er und sagt, er könne ganze Romane schreiben. Da gab es schon Leute, die ihr halbes Hähnchen vom Kochlöffel mitgebracht und bei ihm im Wartezimmer verzehrt hätten – und das fände er wirklich nicht so lustig für die Wartenden.

Ich überlege nun, ob ich mich demnächst einfach mal in ein beliebiges Wartezimmer setzen und Leute beobachten sollte – ohne Termin.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen