Wann bin ich alt?

Gedanken zum Alter und zum Älterwerden

shz.de von
06. September 2018, 15:49 Uhr

„Wie alt bist du geworden?“ fragen mich als ganz junge Lehrerin meine Erstklässler, als sie erfahren haben, dass ich Geburtstag habe. Ich antworte lachend mit einer Gegenfrage: „Ja, was meint ihr denn?“ Die Vorschläge kommen prompt: 62- 19- 41- 20 … Kaum eine Zahl zwischen 18 und 80 wird ausgelassen. Ich merke, dass meine kleinen Schüler mit diesen für sie noch abstrakten Zahlen nichts Konkretes verbinden. Als ich dann wahrheitsgemäß antworte, nehmen sie das fast gleichgültig entgegen. „ Ach so, 23“, meint einer, „ich werd` nächstes Jahr 8“.

Viele Jahre später stellt mich der Sohn meines Neffen einem Bekannten mit den Worten vor: „ Das ist meine Tante, ne, eigentlich meine Großtante, weil die schon so alt ist…“ Ich fühlte mich damals noch gar nicht so alt, aber die Bezeichnung „Großtante“ war wohl ein Zeichen dafür.

Wann bin nun alt? Stimmt die Redensart, man sei „so alt, wie man sich fühlt“? Warum singen ältere Menschen in vorgerückter Stunde dann so gerne: „Man müsste nochmal zwanzig sein!“? Alt werden wollen wir alle, alt sein jedoch nicht, hört man häufig. Alt zu sein, ist offensichtlich nicht erstrebenswert. Denken wir an „Altkleider“, „Altglas“, „Altpapier“ und „Altmetall“ – alles zum Entsorgen. Daher wurden aus früheren „Altersheimen“ „Seniorenheime“ oder- für betuchtere Menschen- „Seniorenresidenzen“. „Altentreffen“ heißen nun „Seniorenkaffees“, und im Restaurant wird uns ein „Seniorenteller“ angeboten. Andererseits begrüßen sich pubertierende Jugendliche häufig mit großer Geste gut hörbar für alle anderen mit: „Ey, Alter, was geht ab?“ (Übersetzt bedeutet das wohl etwa: „Hallo, mein Freund, wie geht es dir?“) Irgendwie verwirrend.

Die Werbestrategen bedienen wiederum mit Nachdruck den Wunsch älterer Menschen nach Fitness und Frische, indem sie von „schönen Jahren der Best Ager“ reden und gleichzeitig für alle möglichen tatsächlich hilfreichen oder auch nur von der Industrie und Dienstleistern erdachte Produkte werben. Hier tut sich bei der demografischen Entwicklung ein lukrativer Markt auf, ahnt die Werbung. In manchen Fällen mag es ja sinnvoll sein, spezielle Veranstaltungen wie Seniorensport, Seniorentanz, Reisen, WGs u. ä. für ältere Menschen anzubieten. Grundsätzlich würde ich jedoch lieber mit allen Altersgruppen Kontakt haben, und ich bin sicher, dass auch Jüngere davon profitieren können.

Wenn ich wie meine Vorfahren ein hohes Alter erreichen sollte – bei möglichst wenig Einschränkungen –, dann werde ich die geschenkten Jahre dankbar annehmen und mich an Eugen Roth halten, der schrieb: „Wir sehn mit Grausen ringsherum: Die Leute werden alt und dumm. Nur wir allein im weiten Kreise, wir bleiben jung und werden weise. Der Titel lautet allerdings: Einbildung.






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