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Eckernförder Zeitung

22. August 2017 | 08:02 Uhr

Vorsicht oder: Die Untiefen der Finanzwelt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Eine Finanzberatung der besonderen Art

Unsere Gesellschaft zeigt in mancherlei Verhalten, welchen Stellenwert sie älteren Menschen zuweist. Das Duzen fremder älterer Personen gehört zu einer besonders üblen Respektlosigkeit mit der Älteren kindliches Verhalten unterstellt wird, so als würden sie ahnungslos und trottelig durch die Zeit tapern.

Im anderen Extrem umwirbt man Ältere mit schleimiger Unterwürfigkeit wegen ihrer Ersparnisse; allein sie wecken Begierden. Ältere gehören schon lange zum Beuteschema von allerlei Dienstleistern oder Finanzberatern mit immer „neuen“ wortreich umhüllten unseriösen Versprechungen, die sie Angebote oder auch Produkte nennen. Ein Gütesiegel für Finanzberatung gibt es nicht.

Ein Finanzberater einer bislang mir unbekannten Spezies machte mir vor kurzem schriftlich – mit der Grammatik haperte es ein wenig – seine Aufwartung. Unter der Überschrift „Finanzberatung für Senioren“ folgte eine handschriftlich eingefügte Anrede „Lieber ...“ nachfolgend nur mit meinem Vornamen. Im ersten Augenblick ging ich gedanklich alle mir vertrauten Personen durch, die mich mit Vornamen anzureden pflegen. Diesen „Freund“ kannte ich nicht. Zu allem Überfluss schloss der Brief mit der ebenso vertraulichen Schlussformel „Dein Jobst“, handschriftlich. Woher kennt dieser Jobst meinen Vornamen wie mein Alter und Anschrift, zumal ich weder in Facebook ein Account noch sonstwo in der elektronischen Datenwelt eine Spur hinterlassen habe. Und in Amerika war ich auch nicht.

Was wollte „mein Jobst“ von mir? Er beschäftige sich schon lange mit Fragen und Lösungen um private Finanzen von Senioren - schreibt er. Muss man sich nicht geradezu darüber freuen, dass es solche Gutmenschen gibt, die sich zwar kaum um die Person selbst, wohl aber um deren Finanzen alle nur erdenklichen Sorgen machen. Er sagt auch warum: Senioren haben in der Regel genügend Geld, um gut über die Runden zu kommen. Ja und? Haben sie nicht dafür gearbeitet und Beiträge gezahlt, damit sie ihren Ruhestand genießen können? Jetzt sollen sie nach seiner Auffassung ihr Bares gegen Vages eintauschen? Wozu und für wen? Die Finanzkrise, sagt er mit bedenklichem Unterton, hätte bei Senioren zu Verunsicherungen geführt und daher benötigten sie einen vertrauenswürdigen Finanzberater, der sie durch die Untiefen der Finanzwelt navigiert. Auffordernd fügt er hinzu: die Zahl der Anfragen nach seinen Dienstleistungen nehme derart zu, dass er sogar von einem Stellvertreter unterstützt werden muss. Der arme Mann leistet schier Übermenschliches. Und ich stehe abseits, unterstellt er mir missbilligend. Stattdessen frage ich mich, warum schreibt dieser Jobst überhaupt persönlich gehaltene Briefe, wenn ohnehin so viele Anfragen bei ihm eintreffen?

Denn, so räumt er ein, auch wenn ich für seine Fürsorge zurzeit kein Interesse hätte – recht hat er - wüsste ich jetzt jemanden, der sich um mich kümmert, um meine Finanzen wohlverstanden, nämlich ihn, den Jobsten. Wie tröstlich! Ein wahrhaftiger Finanzsamariter.

Dabei ahne ich nicht einmal, was mir alles entginge, erläutert er. Dieser selbstlose Jobst würde sich zunächst einen Überblick über meine Geldanlagen und Versicherungen verschaffen, sodann meine Einnahmen und Ausgaben auflisten und daraus einen langfristigen Liquiditätsplan aufstellen. Doch nicht etwa für die nächsten 30 Jahre und zu welchem Zweck überhaupt? Er sorge sich um meinen Seelenfrieden, denn erst sein Rat würde mir in finanzieller Hinsicht sowohl Ruhe wie Klarheit verschaffen, die ich jetzt selbstverständlich nicht haben kann - bekräftigt er. Gemeint ist jene Klarheit, die sich ausschließlich auf seine satte Provision bezieht, mit der er sich sodann absetzt.

Er, der Jobst, schließt seinen Brief mit der Versicherung, er würde voll und ganz auf meiner Seite stehen. Ach, darauf muss einer kommen. Glücklicherweise hängte er seiner Dreistigkeit die Schelle der Dummheit um.

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von
erstellt am 30.Sep.2014 | 16:14 Uhr

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