Von Waschritualen und Trümmerfrauen

Lasen vor vollem Haus (v.l.): Heide Simonis, Doris Steinhardt und Barbara Steinhard-Böttcher. Foto: Luckenbach
Lasen vor vollem Haus (v.l.): Heide Simonis, Doris Steinhardt und Barbara Steinhard-Böttcher. Foto: Luckenbach

Heide Simonis war zu Gast im Baltic Sea International Campus und brachte ihre beiden Schwestern mit. Zu dritt lasen sie am Freitag aus ihrem Buch "Drei Rheintöchter - Kindheit am Rhein nach 1945".

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19. Januar 2009, 08:44 Uhr

Eckernförde | Durch die großen, breiten Fenster der Galerie 66 drang die Dunkelheit in den nur spärlich beleuchteten Raum. Nur auf der Bühne brannte ein helles Licht und ließ Heide Simonis, Ministerpräsidentin a.D., und ihre beiden Schwestern Doris "Dodo" Steinhardt und Barbara Steinhardt-Böttcher wie im Rampenlicht erstrahlen. Genau so muss ihnen ihr Alltag im Nachkriegsdeutschland vorgekommen sein: beschwerlich, geprägt von den Erinnerung - vor allem der Erwachsenen - an den furchtbaren und vernichtenden Krieg. Aber Lebenslust, Lebensfreude, eine allmähliche Normalisierung des Lebens und der stetig wachsende Wiederaufbau brachten Licht und Hoffnung.

Der bereits dritte literarische Abend in der "Galerie 66" lockte am Freitagabend mehr als 100 Menschen auf den Baltic Sea International Campus (BSIC). Sie ließen sich von den drei Steinhardt-Schwestern in die Zeit des Nachkriegsdeutschlands entführen. Die drei Schwestern lasen aus ihrem Buch "Drei Rheintöchter - Kindheit am Rhein nach 1945", in dem sie ihre Kindheit, die sie in Bonn verbrachten, Revue passieren ließen.

Für die einen, die schon etwas älteren im Publikum, weckten die Erzählungen der drei Steinhardt-Schwestern Erinnerung an die eigene Kindheit im Nachkriegsdeutschland. Etwa wenn Heide Simonis vom wöchentlichen Baden erzählte, nickten viele im Publikum mit dem Kopf, geprägt von den Erinnerung an ihre eigene Waschrituale: als erstes der Vater, dann die Mutter, später die Kinder und anschließend die Socken in ein und dem selben Waschwasser. Die jüngeren im Publikum erhielten Einblicke in die Welt der Trümmerfrauen, in die Welt des Aufbaus und des sich langsam, Schritt für Schritt einstellenden Wohlstandes.

Die drei Schwestern verstanden es, ihr Publikum hautnah miterleben zu lassen, wie nicht nur ihrer Heimatstadt Bonn neues Leben und neuer Lebensmut eingehaucht wurde, sondern auch den Menschen selbst und auch ihren Eltern Sophia und Horst Steinhardt. Es waren vor allem die kleinen Anekdoten des Nachkriegsalltags, die das Publikum zum Lachen und spontanen Applaus animierten. Etwa wenn sie davon erzählten, wie ihnen schon angebissene Butterbrote als schmackhafte Delikatessen unter dem feinen Namen "Hasenbrot" angeboten wurden und sie die Brote allein wegen dieser "Verpackung" geliebt haben und sie noch heute "Brotsuppe" nicht unbedingt zu ihren Lieblingsessen zählen. "Wir waren für manche unserer Nachbarskinder eine offene Provokation", erzählte Heide Simonis von den sonntäglichen Spaziergängen mit der Familie, zu denen alle drei die selben Sonntagskleidchen trugen und als "Das trippelte Lottchen" auftraten. Doch auch andere modische Sünden offenbarten die Schwestern. "Erbarmungslos arbeitete bei uns im Haus die neue Strickmaschine", erzählte Dodo Steinhardt. "Die hässlichsten Pullover kamen ritsch, ratsch aus der Maschine", erinnern sich die drei. "Und wehe, wenn wir uns wehrten", sagte Barbara Steinhardt-Böttcher.

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