Renaturierung : Von der Müllhalde zum Naturerlebnis

Die Deponie aus der Luft. Wenn sie ganzflächig bewachsen ist, wird sie sich nahtlos in die Hüttener Berge einfügen.
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Die Deponie aus der Luft. Wenn sie ganzflächig bewachsen ist, wird sie sich nahtlos in die Hüttener Berge einfügen.

Deponie in Alt Duvenstedt verschwindet unter einen dicken Schicht aus Kies, Folie und Erde / Abfallgesellschaft bietet Führungen an

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07. Mai 2015, 06:35 Uhr

Ein Hase hoppelt vorbei. Der Wind rauscht in Feld- und Bergahorn. Bienen laben sich am Nektar von Rotklee und Flockenblume. Die Idylle wäre perfekt – wenn es sich nicht um Natur aus zweiter Hand handeln würde. Denn etwa eineinhalb Meter unter der Erdschicht liegt der Müll vergangener Jahrzehnte. Seit zwanzig Jahren wandelt sich die Deponie in Alt Duvenstedt zu einem Naturraum.

Ralph Hohenschurz-Schmidt schreitet zügig voran. Beim Gang über jenes Gelände, das seit 2014 rekultiviert wird, knirscht grau-schwarzer Schotter unter seinen Schritten. „Die Deponie wird in vier Abschnitten renaturiert“, erklärt der Geschäftsführer der Abfallwirtschaftsgesellschaft Rendsburg-Eckernförde (AWR). Der erste Abschnitt wurde 1995 beendet. Der zweite, vier Hektar große Abschnitt ist jetzt in Arbeit. Ein gelber Bagger schiebt das grau-schwarze Material über die Deponie-Kuppen. Was wie Schotter aussieht, ist Kraftwerksschlacke. Rund 30 Zentimeter dick ist die Schicht. Das Material dient als Gasdrainage und sorgt dafür, dass der Gasdruck aus dem Inneren gleichmäßig auf die Oberfläche trifft.

Wie eine Mondlandschaft wirkt dieser Teil der 162  000 Quadratmeter großen Deponie. Doch das ändert sich. Hohenschurz-Schmidt stoppt an einer rund ein Meter hohen Kante. Rechts der renaturierte Teil, links die Fläche, die zurzeit aufgefüllt wird. Erst mit Sand, dann mit der grau-schwarzen Schicht. Es folgen geosynthetische Tondichtungsbahnen, die keine Flüssigkeiten und Gase durchlassen. Schließlich kommen eine 2,5 Millimeter dicke Folie, Kies und zum Abschluss der Kultivierungsboden. Damit hier schnell etwas wächst, helfen die Menschen nach. „In zwei Wochen werden wir entscheiden, welche Saatmischung wir nehmen“, erklärt der AWR-Geschäftsführer.

Bei den Beratungen wird auch Clas Lehmann am Tisch sitzen. „Wir versuchen, nicht eine 08/15-Grasmischung zu nehmen“, so Hohenschurz-Schmidt, „das ist auch für die Weiterentwicklung des Naturerlebnisraumes wichtig.“ Bis Ende dieses Jahres soll die Fläche abgedeckt sein. Wie es aussehen wird, wenn die Natur die Halde wieder erobert hat, können Besucher auf dem ersten Abschnitt sehen.

Der AWR-Chef schlägt sich in die Büsche. Schlehen wachsen hier, Schneeball, Weiden. „Pfahlwurzler sind nicht erlaubt“, erläutert er. Bei ihnen bestehe die Gefahr, dass sie mit ihren Wurzeln die Folie beschädigen. Also wurden nur strauchartige Pflanzen angesiedelt, von denen einige zirka alle zehn Jahre auf den Stock gesetzt werden müssen. „Ansonsten bleibt die Natur weitgehend sich selbst überlassen.“ Damit ein unerwünschter Einwanderer nicht die Herrschaft übernimmt, wurde im vergangenen Jahr großflächig dem Jakobskreuzkraut zu Leibe gerückt. Das Gras am Hügelhang ist saftig grün. „Hier ist ein nährstoffreicher Standort“, so Hohenschurz-Schmidt. Je näher die Kuppe rückt, desto steiler wird der Pfad, desto magerer der Boden. Sanddorn schimmert silbrig. „Im Herbst leuchtet alles orange.“ Und im Sommer blau-violett: Wiesenflockenblume, Vogelwicke, Reiherschnabel, Kleesorten blühen hier. Gelbe Tupfen setzen „Gift-Hahnenfuß, Königskerze, Wiesen-Platterbse und Gänsefingerkraut“, zählt Clas Lehmann auf. Auch Bauernsenf wächst dort, ein Kraut, das auf der Roten Liste steht. Die Vielfalt zieht Insekten und Schmetterlinge an. Auch ein Bienenvolk hat auf der Halde sein zu Hause: „Wir haben Deponie-Honig“, sagt Hohenschurz-Schmidt lächelnd. Der ist kein Abfall-Produkt. Schließlich haben die Pflanzen keinen Kontakt zu dem Müll unter ihnen. „Die nächsten hundert Jahre dürfte es dicht halten“, so Hohenschurz-Schmidt. Er blickt von der Kuppe in die Landschaft. Wenn alles bewachsen ist, werde sich die Halde in die Hügel der Hüttener Berge einfügen. Nur der Lärm der nahen Autobahn würde dann noch die Naturidylle aus zweiter Hand stören.

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