Depressionen : Viel mehr als Traurigsein

Unter einer Depression zu leiden, wird noch immer von vielen als Schwäche verstanden. Dabei handelt es sich vielmehr um eine ernstzunehmende Krankheit, die behandelt werden muss.
Foto:
1 von 2
Unter einer Depression zu leiden, wird noch immer von vielen als Schwäche verstanden. Dabei handelt es sich vielmehr um eine ernstzunehmende Krankheit, die behandelt werden muss.

Selbsthilfegruppen leisten für depressiv Erkrankte einen sehr wichtigen Beitrag bei der Überwindung der Erkrankung

von
16. Januar 2018, 06:17 Uhr

Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, innere Leere – Depressionen können Betroffene im Extremfall bis in den Selbstmord treiben. Dabei erkrankt fast jeder fünfte Deutsche einmal im Leben daran. Was genau ist eine Depression? Jedenfalls nicht das Traurigsein, das Bedrücktsein in der dunklen Jahreszeit, das man aus dem Alltag kennt. In unserer Reihe das „Dienstags-Interview“ sprach EZ-Redakteur Achim Messerschmidt mit Susanne Jahn (57), der Leiterin der KIBIS-Selbsthilfekontaktstelle der Brücke Rendsburg-Eckernförde sowie zwei Betroffenen, der 60 Jahre alten Agnes Retzlaff und Dieter, 62 Jahre alt. Beide sind seit einigen Jahren aktiv in einer Selbsthilfegruppe, um sich und anderen zu helfen.

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie an Depressionen leiden und Hilfe brauchen?
Agnes Retzlaff: Das war vor etwa zehn Jahren. Es war ein schleichender Prozess, zunächst ein klassischer Burnout. Auf meinem Schreibtisch im Büro häufte sich die Arbeit an, ich wurde unzuverlässig in meiner Arbeitsstruktur, ich machte Fehler, das gab es vorher nicht. Ich war Leiterin eines Pflegedienstes, da können Fehler fatal sein. Je mehr ich versucht habe, dagegenzuarbeiten, desto schlimmer wurde es. Ich habe mir nicht eingestanden, krank zu sein. Ein Teufelskreis. Aus diesem Rad kommt man ohne Hilfe nicht heraus. Wenn ich meinen Hund nicht gehabt hätte, hätte ich keinen Grund gesehen, überhaupt aus dem Bett auszusteigen. Eines Tages habe ich auf der Autobahnbrücke gestanden und überlegt, was ich jetzt machen soll.

Dieter: Es ist viele Jahre her: Meine ersten drei Depressions-Phasen wurden damals als Vegetative Dystonie diagnostiziert, heute vielfach als Verlegenheitsdiagose bezeichnet. Burnouts gab es damals noch nicht. Als ich wieder zu nix Lust hatte, morgens nicht aus dem Bett kam, weil mir der Tag wie ein unüberwindbarer Berg und mir das ganz Leben sinnlos vorkam, wollte ich nicht mehr. Eine Freundin hat mir einen Facharzt empfohlen, von dem ich mich erstmals richtig verstanden fühlte. Frage des Doc: „Kann Ihre Niedergeschlagenheit auch mit Ihrer Beziehung zu sich selbst und anderen Zusammenhängen“?

Susanne Jahn: Depression ist mehr als eine Stimmungsschwankung. Im Winter sind viele Menschen antriebslos, aber das ist keine Depression. Sie ist eine schwerwiegende Krankheit, auch mit tödlichem Ausgang. Für viele ist es ein großer Schritt, sich selbst die Krankheit einzugestehen.

Wie haben Sie sich Hilfe gesucht?
Agnes Retzlaff: Ich hatte zum Glück einen guten Hausarzt, der mich aus dem Verkehr zog. Aufgrund meiner beruflichen Erfahrung in der Pflege hatte ich ein funktionierendes Netzwerk rundherum. Es folgten ein Klinikaufenthalt, Reha und Psychotherapie. Ich hatte zudem Glück, dass alles zeitnah angemeldet wurde. In Rendsburg gab es eine Selbsthilfegruppe, die habe ich aufgesucht. Ich habe Herzklopfen bis unter die Haarspitzen gehabt bei meinem ersten Anruf dort, ich hatte Angst.

Sind Frauen und Männer unterschiedlich depressiv?
Dieter: Bei Frauen wird die Krankheit häufiger diagnostiziert. Bei Männern sollen sich Depressionen, neben den üblichen Symptomen, auch in einem gereizteren und aggressiveren Verhalten äußern. Ich glaube, Männer gestehen sich die Krankheit weniger ein. Das passt nicht zu unserer Rolle.

Wie ging Ihre Familie mit der Diagnose um?
Agnes Retzlaff: Ich habe ein Dreivierteljahr selbst meiner Familie die Krankheit verheimlicht, ich habe zwei Gesichter gezeigt. Ich habe mich auch geschämt, ich als gestandene Frau, mitten im Beruf und plötzlich saß ich nur zuhause, konnte nicht Auto fahren, habe nur geheult.


Dieter: Damals war ich nicht mehr in meinem elterlichen Zuhause. Bei meinen Besuchen dort habe ich immer „so getan als ob“. Später habe ich mit Menschen zusammengelebt, für die „Macken“ zum Leben gehörten. Da ging’s dann um die Fragen: Pillen = Chemie oder Psychotherapie? Für meine Mitmenschen war es anstrengend, dass mir Schulterklopfen und gutes Zureden nicht weiterhalf.

Susanne Jahn: Auch die Angehörigen leiden. Für sie ist es nur schwer auszuhalten, weil sie das Gefühl haben, nichts machen zu können. Sie fühlen sich schlicht überfordert. Es gibt spezielle Selbsthilfegruppen für Angehörige von depressiv Erkrankten. Angehörige und Depressive gemeinsam in einer Gruppe, das ist schwierig. Depression ist eine sehr belastende Krankheit. Angehörige brauchen einen Raum, in dem sie sich offen äußern und über ihre Ängste sprechen können. Das ist schwer, wenn das depressive Familienmitglied daneben sitzt. Viele Verhaltensweisen der Angehörigen sind destruktiv und krankheitsverstärkend. Beispielsweise wenn es heißt, „reiß’ dich zusammen, du brauchst doch bloß.....“ Das müssen Angehörige zwar sagen können, aber nicht im Beisein der Betroffenen. Auf der anderen Seite müssen auch die Betroffenen offen sagen können, was sie über das Verhalten ihrer Familie denken.
Was kann eine Selbsthilfegruppe leisten?
Susanne Jahn: Selbsthilfegruppen ersetzen keine Therapie und Behandlung, sondern sind unterstützendes Element. Die Therapie steht auf mehreren Säulen, die Gruppe ist eine davon. Es finden Gespräche auf Augenhöhe statt. Es gibt in dem Sinne keinen Gruppenleiter, sondern eher einen „In-Gang-Setzer“ der eine Gruppe zum Laufen bringt, ein Ehrenamtlicher mit entsprechenden Fortbildungen. Er übernimmt, bis die Gruppe stabil genug ist.

Agnes Retzlaff: Für mich ist die Selbsthilfegruppe ganz wichtig. Ich habe ein Ziel in der Woche, da gehe ich hin. In dieser Runde fühle ich mich aufgehoben, man muss sich den anderen nicht erklären. Alle profitieren von dem gemeinsamen Wissen. Ein trauriger Haufen sind wir aber nicht. Wir gehen Eis essen, spazieren, wir lachen.

Dieter: Selbsthilfegruppen werden nicht von Profis geleitet, die Hilfe kommt von uns betroffenen Menschen selbst. Wir können uns auf Augenhöhe begegnen. Von den anderen aus der Gruppe fühle ich mich eher verstanden. Wir haben alle ähnliche Fragen und Probleme. Wir geben uns bei Frust über das Gesundheitswesen, Ärger mit Kliniken, Krankenkassen und Stress mit den Psychotherapeuten Tipps und Anregungen. Da kann eine Selbsthilfegruppe unterstützend tätig sein. Wichtig ist uns, dass wir mit uns aus der Gruppe sehr vertrauensvoll umgehen, das heißt, alles ist vertraulich.

Susanne Jahn: Wenn ich als Teil der Selbsthilfegruppe helfen kann, gibt mir das auch ein Selbstwertgefühl. Ich merke, ich werde gebraucht.


Was sind die Ursachen für eine Depression?
Dieter: Grundsätzlich kann es nahezu jeden treffen. Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Eine schwerwiegende, belastende Lebenserfahrungen kann eine Depression ebenso auslösen wie Stress, finanzielle Sorgen, hohe Belastung am Arbeitsplatz. Viele überfordern sich selbst. Auch die erbliche Veranlagung kann eine Rolle spielen.

Wo sollte man sich Hilfe suchen?
Susanne Jahn: Beim Hausarzt oder gleich beim Facharzt für Psychiatrie. Das Spektrum reicht von der ambulanten medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlung in einer Praxis bis hin zur stationären Behandlung in einer Klinik. Leider muss man sich oftmals gedulden, um bei einem Facharzt einen Termin zu bekommen. Die Terminservicestelle der Krankenkassen sichert einen zeitnahen Termin für ein Erstgespräch zu (Tel. 04551/30 4049 31).

Würden Sie sich heute als geheilt bezeichnen?
Agnes Retzlaff: Nein, es besteht immer die Gefahr, in alte Verhaltensmuster zurück zu fallen. Ich habe gelernt, sorgfältiger mit mir umzugehen, ich muss auf mich achten. Jeder muss sensibel werden für sich selbst. Dann kann er rechtzeitig auf Signale reagieren und lernen, mit der Krankheit umzugehen.

Dieter: Das stimmt, geheilt ist man nie. Ich sehe mich derzeit als „trockener“ Depressiver.




















zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen