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Kunst am Bau : Viel mehr als bunte Glasfragmente

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Britta Gaude berichtet über den Künstler Ernst Günter Hansing und die Bedeutung des Mosaiks im Treppenhaus des Rathauses in Stift.

shz.de von
erstellt am 31.Okt.2015 | 06:00 Uhr

Altenholz | Mit der „Kunst am Bau“ ist das so eine Sache. Im Gegensatz zu Kunst in Museen, die zahlreiche Besucher anlockt, die sich intensiv mit den Werken beschäftigen, wird die Kunst am Bau manchmal gar nicht richtig wahrgenommen oder aber, sie wird als gegeben hingenommen, ohne dass sie großartig beachtet wird. Dabei lohnt es sich, auch diese Werke einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, wie das Beispiel des großen gläsernen Mosaiks im Treppenhaus des Rathauses in Stift zeigt.

Im schnellen Vorbeihasten nimmt man – wenn überhaupt – ein Mosaik aus verschiedenfarbigen Glasfragmenten wahr. Welche Überraschungen das Werk bei genauerem Hinsehen in sich birgt, erläuterte die, in der Altenholzer Kulturszene fest verwurzelte, frühere Lehrerin und Archäologin Britta Gaude, die bereits mehrere Bücher über Altenholz schrieb und kürzlich ihren dritten Altenholzer Kalender vorstellte, gegenüber der Eckernförder Zeitung.

Geschaffen wurde das Mosaik in den Jahren 1964/65 von dem 1929 als Sohn eines Marineoffiziers in Kiel geborenen Ernst Günter Hansing. Nach einer Lehre zum Goldschmied, zu der ihm die Maler Emil Nolde und Oskar Kokoschka geraten hatten, bekam Hansing 1951 ein Stipendium für die École des Beaux-Arts in Paris. 1954 folgte ein weiteres Stipendium für ein Studium an der Berliner Hochschule für bildende Künste. Nach Aufenthalten in Groß-Quern (Kreis Schleswig-Flensburg) und Paris, lebte und arbeitete Hansing ab 1966 im Bad Honnefer Stadtteil Rhöndorf, wo er am 31. Januar 2011 verstarb.

Zu den Arbeiten Hansings zählen neben großflächigen Glasmalereien auch Metallplastiken, riesige Mobiles und Kosmosbilder. Und Porträts. Neben Marc Chagall porträtierte Hansing auch berühmte Zeitgenossen wie Adenauer, Brandt, Kohl, Mutter Theresa, Anne-Sophie Mutter, de Gaulle – und Edgar Meschkat, den früheren Bürgermeister von Altenholz. Meschkat war mit Hansing befreundet und förderte ihn in den 1960er und 70er Jahren, indem er ihm mehrere Aufträge in Altenholz verschaffte. So schuf Hansing nicht nur das Mosaik im Rathaus. Auch die Glasmalereien in der Kirche oder der Pausenhalle in der Grundschule stammen von Hansing, ebenso das Metallobjekt „Mobile Windplastik“ an der Ecke Ostpreußenplatz / Allensteiner Weg gegenüber dem Rathaus. „Insgesamt haben wir in Altenholz neun Werke von Ernst Günter Hansing. Damit sind wir der Ort mit den meisten seiner Arbeiten“, so Britta Gaude, nicht ganz ohne Stolz.

Und das Mosaik im Rathaus? Das Thema ist laut Gaude ein „Ausschnitt aus dem Flächennutzungsplan von Stift“, als Farben wählte Hansing blau, gelb und rot. Im unteren Teil des Bildes ist in Blau der Kanal zu sehen, inklusive der Hochbrücke und eines toten Arms, der in den 1960er Jahren, kurz nach Fertigstellung des Mosaiks, zugeschüttet wurde. Folgt man der gelben Linie der Hochbrücke, wird diese fortgeführt als B 503, die gleichzeitig die Stadtgrenze Kiels markiert.

In der rechten Hälfte des Werks ist etwa in der Mitte eine größere, überwiegend in Rot und Orange gehaltene Fläche, die an der Interpretation Gaudes keinen Zweifel lässt: Zu erkennen ist eindeutig der Stifter Ortskern mit Rathaus, Kirche, dem Teich des Gutshauses und einzelnen und Straßen wie Pommernring oder Waldwinkel. Oberhalb des Ortskerns ist auch die „Kieler Nase“ zu erkennen, ein Einschnitt, der ursprünglich Kieler Stadtgebiet war und erst 1997 mit der Begradigung der Stadtgrenze wegfiel. Unten rechts erkennt man noch einen Teil Holtenaus, der Rest ist „künstlerische Freiheit“. „Die Bedeutung des Bildes ist nirgendwo schriftlich fixiert worden und offenbar in Vergessenheit geraten“, sagte Britta Gaude und wies darauf hin, dass viele Altenholzer dankbar auf ihre bisherigen zwei Vorträge zum Thema reagiert hätten. Schließlich war sie die Erste, die sich wieder mit dem Bild intensiv beschäftigt und es interpretiert hatte.

Und wer nun im Rathaus etwas zu erledigen hat, sollte sich die Zeit nehmen, sich das monumentale Mosaik genauer anzusehen. Es lohnt sich, denn es zeigt viel mehr, als nur ein paar wahllos zusammengesetzte bunte Glasfragmente.

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