Seltene Krankheit : Verzweifelte Suche nach Hilfe für Bjarne

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Zehnjähriger leidet unter Hörstörung und braucht spezielle Betreuung

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07. Juni 2018, 05:51 Uhr

Owschlag | „Ich wünsche mir, dass AVWS-Erkrankte in Schleswig-Holstein besser gefördert und unterstützt werden. Das würde uns das Leben um vieles leichter machen“, sagt Andree Blaut aus Owschlag. Sein Sohn Bjarne (10) leidet an auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS). Bjarne hat eine Hörstörung, die dazu führt, dass sein Gehirn Nebengeräusche nicht herausfiltern kann, so dass das Gehörte nur eingeschränkt verstanden wird.

„Bereits in der Kinderkrippe fielen den Erzieherinnen Auffälligkeiten an Bjarne auf. Damals begann unsere Odyssee von Arztbesuchen, Ergotherapien und psychologischen Untersuchungen“, schildert der alleinerziehende Vater, der selbst gelernter Erzieher ist. Die fälschliche Diagnose lautete stets, Bjarne leide an ADHS, also an einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Behandelt wurde der Junge dementsprechend mit dem Medikament Ritalin, das nicht half. Mit der Einschulung in Owschlag begannen für Bjarne schwere Zeiten. Wochenweise wurde er wegen seines Verhaltens, das den Unterricht störte, vom Schulbesuch suspendiert.

Erst vor einem Jahr stellte eine Logopädin fest, dass Bjarne an AVWS – und nicht an ADHS – leidet, einer Krankheit, die es ihm unmöglich macht, das von den Lehrern Gesagte zu verstehen. Diese Diagnose wurde zwischenzeitlich von Medizinern bestätigt. „Es war ein riesengroßer Schock für uns. Bjarne wird sein Leben lang versuchen müssen, so gut es geht, mit dieser Krankheit zurecht zu kommen“, erläutert Andree Blaut.

Bjarne besucht jetzt die dritte Klasse in Alt Duvenstedt. „Die Lehrer sind super engagiert. Da klappt es“, freut sich Blaut. Sein Sohn trägt ein blaues Hörgerät, und die Klassenlehrerin nutzt eine FM-Anlage: Ihre Stimme wird per Mikrofon direkt zu Bjarne übertragen. Dies stelle eine große Erleichterung dar, empfindet der Vater. Bjarne sagt: „Es ist so laut in meiner Klasse. Wir sind 30 Schüler. Oft verstehe ich gar nichts.“ Förderklassen wären der große Wunsch von Blaut. Auch der Besuch einer Gehörlosenschule wäre vorteilhaft, ist sich Blaut sicher. Doch dafür erfülle Bjarne nicht die Aufnahmekriterien.

Ingo Degner, Direktor des Landesförderzentrums Hören und Kommunikation, teilt mit, dass das Bildungsministerium in Schleswig-Holstein nur begrenzte Mittel für AVWS-Erkrankte bereitstellt, sodass nur Kinder betreut werden können, die „massive Schwierigkeiten haben“. Aktuell steht seinem Förderzentrum „neben den normalen Stellen eine zusätzliche Planstelle für Betroffene von AVWS zur Verfügung“, teilt er mit. „In unserer Schule in Schleswig beschulen wir zurzeit vier Schüler mit einer AVWS.“ Für jährlich 90 Schüler mit AVWS-Störung wird eine einmalige Beratung mit den Eltern und mit der Schule des Kindes angeboten. Zudem werden Tests durchgeführt. Mehr ist mit den aktuellen Ressourcen nicht möglich. Das Thema sei aber bereits mit der Schulaufsicht besprochen worden. Degner ist zuversichtlich, dass seine Einrichtung in Zukunft mehr Betroffenen helfen kann.

Auf Bjarne und seinen Vater rollen aktuell weitere Probleme zu. Nach dem Unterricht besucht der Schüler die Betreute Grundschule in Alt Duvenstedt. „Das ist notwendig für uns, da ich sonst nicht arbeiten könnte“, erklärt Blaut. In einem Brief wurde der Vater nun aufgefordert, einen Antrag auf Schulbegleitung im Rahmen einer Einzelfallprüfung beim Kreis Rendsburg-Eckernförde zu stellen. „Die Betreuung in geeigneter Weise kann von uns teilweise nur schwer geleistet werden, beziehungsweise beeinträchtigt die Betreuung der übrigen Schüler erheblich“, so Nadine Vorbeck, Vorsitzende der Betreuten Grundschule. Der Vater hat den Antrag bereits eingereicht. „Ich bin doch darauf angewiesen, dass Bjarne nach dem Unterricht betreut wird.“ Blaut will weiter dafür kämpfen, dass das Förderzentrum in Schleswig-Holstein die finanziellen Mittel bekommt, AVWS-Erkrankte verstärkt zu fördern. „Aktuell habe ich das Gefühl, uns werden ständig Steine in den Weg gerollt“, sagt der Vater frustriert.

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