Vergangene Zeit, verlorene Wörter

091109 gk zimmermann 1
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Veränderungen in der Alltagssprache: Betrachtungen an einigen Beispielen aus dem Haushalt der 40er Jahre

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06. Juni 2014, 06:36 Uhr

Oma nahm den Pohaken aus dem Kohlenkasten, der zwischen Eierkohlen, Anthrazit und Braukohlenbriketts steckte, schob damit die Herdringe zurecht, zog den Einweckkessel, der die Kochwäsche enthielt und fremd verwandt wurde, von der Herdmitte, nahm die Emaillekanne zur Seite, um Platz für die Kastrolle zu schaffen, regelte mit der dann wieder frei werdenden Hand den Wrasenschieber, um so die Backofentemperatur zu senken, damit der Kuchen in der Springform nicht verbrannte. Waschtag war Familientag, Familienwaschtag.

Meine Großmutter fummelte mit einem Haken den Bolzen aus dem Feuerloch, um diesen in die Öffnung des Bügeleisens fallen zu lassen und mit der Klappe zu verschließen, Vorbereitung für Opa, er war der Bügler.

Ich überprüfte die Schärfe meines neuen Fahrtenmessers an Holzscheiten. Opa kam aus dem Ohrensessel, hatte die Zähne draußen, kaute aber, Priem. Frühmorgens hatte er auf dem Dreibein die Schäden der Hackenreißer an meinen Winterschuhen beseitigt, aber auch gleichzeitig meine Sandalen vorn aufgeschnitten, weil meine Füße größer geworden waren als diese Schuhe, neue gab es nicht. Ich war traurig.

Abends ging Opa mit der Kruke ins Bett, Oma mit der Wärmflasche, mit deren bettwarmem Wasser sie sich morgens wusch, denn bevor der Herd nicht angeheizt war, gab es nur kaltes Wasser. Opa machte aus dem angebrannten Zeitungspapier, das zu Testen der Ondulierschere gedient hatte, unter der Tante Gertruds Haare gelitten hatten, einen Fidibus, um damit die Gaslampe zu entzünden, was aber nur halbwegs gelang, weil der Strumpf verbraucht war (damals eine gefährliche Haushaltskombination, Gas und Gleichstrom!)
Tante Ilse trug Papilotten, derweil sie den Wäschestampfer an die Seite gelegt hatte, nun mit dem Rubbelbrett in der Molle Wäsche weiter verarbeitete, jetzt durch den Wringer zwang, Lauge war kostbar, bis diese im Gossenstein verschwand.

Der Winterroggen, jetzt etwa grashoch, würde später in Verbindung mit Wäschetinte als Bleiche genutzt (der Roggen hatte schon eine Funktion erfüllt, hatte als Versteck der Ostereier für die Enkel gedient).

Meine Base Ulla wurde vom Haarkult von Mutter und Tante nicht verschont, aus den Schnecken wurden Affenschaukeln.

Meine Mutter trug Entwarnung, saß am zweischüßeligen, ausziehbaren Küchenwaschtisch und spülte mit Soda, Ata und Imi. Die Bestecke durften dabei nicht ins Spülwasser, wegen der aufgenieteten Holzgriffe.

Onkel Hermann war Maler, wir nannten ihn den Maler mit dem Pinsel ohne Haar. Er hatte mit einer Musterrolle die Küchenwände beblümt. Den Likrustasockel gestrichen, Farbreste vom Linoleum und Balatum entfernt, war jetzt im Wohnzimmer zu Gange. Handhabte die Tapetenschiene und das Tapetenmesser wie ein Säbelfechter.

Mein Vater werkelte im Hof, versuchte dort, Spirallala auf rote Gummireifen um zu rüsten.

Aus der Speisekammer fiel blaues Licht – für Fliegen ist blaues Licht Dunkelheit –, durch die offene Tür in die Küche. Der einröhrige Volksempfänger schrebbelte. 1946.


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