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Eckernförder Gespräche : Unterm Meeresspiegel tickt eine Zeitbombe

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Green Screen: Eine hochkarätig besetzte Expertenrunde diskutierte in der Galerie 66 über das Thema „Versenktes Gift“.

Die „Eckernförder Gespräche“ stehen traditionell am Beginn eines jeden neuen Green Screen Festivals. Auch am Mittwoch war eine politische Diskussion der Auftakt zum Internationalen Naturfilm Festival Eckernförde. Das Thema ist aktuell und brisant: „Versenktes Gift - Chemiewaffen in der Ostsee“. Namhafte Experten trafen in der Galerie 66 zusammen. Sie diskutierten die Geschichte der Munitionsentsorgung, den Stand der Forschungsergebnisse, Vorhaben und eventuelle Rettungsmöglichkeiten. Eine spannende Runde, offen für anschließende Fragen , ergänzt mit drei Filmausschnitten zum Thema.

Die Ausschnitte aus dem Film „Versenktes Gift – wie Chemiewaffen das Meer verseuchen“ (Nicolas Koutsikas) zeigten überdeutlich die drohende Gefahr: Unvorstellbar große Mengen chemischer Waffen liegen seit Jahrzehnten in der Ostsee und in vielen anderen Teilen der Weltmeere. Die Behälter korrodieren allmählich und setzen die Gifte - zum Beispiel Senfgas und arsenhaltige Substanzen - frei. Es tickt eine Zeitbombe am Meeresgrund – ein bisher eher verborgenes Problem, auf das alles Interesse der Öffentlichkeit gelenkt werden sollte.

Der Informations - und Gesprächsabend stand im Zeichen besten Expertenwissens; man konnte sicher sein, erfahrene und engagierte Denker, Forscher, Praktiker vor sich zu haben. Claus Böttcher ist Referent für Munition im Meer (Umweltministerium Schleswig-Holstein). Dr. Matthias Brenner vom Alfred-Wegener-Institut ist CHEMSEA-Experte für ökologische Effekte chemischer Munition. Und Andrzej Jagusiewicz kam eigens aus Warschau, um sein immenses Wissen und seine internationalen Erfahrungen einzubringen; in Polen ist er der Chief Inspector for Environmental Protection Leiter der obersten Umweltbehörde). An seiner Seite sorgte Prof. Dr. Heike Jüngst für die perfekte Simultanübersetzung. Die Moderation hatte Ralph Hohenschurz-Schmidt übernommen.

Die Tatsache, dass in beiden Weltkriegen unvorstellbare Mengen von konventionellen und chemischen Waffen in den Meeren verklappt wurden, wird zu einem zunehmend gefährlichen Umweltproblem. Es betrifft vor allem die Anrainerstaaten der Ostsee; sie birgt besonders viele Rüstungsaltlasten. Die Alliierten hatten ein Schweigeabkommen bis 2017 geschlossen, darum ist es bis heute schwer, alte Akten und Kartierungen zu finden. Langsam und partiell verdichtet sich Wissen: Vor Neustadt liegt zum Beispiel ein Munitionsversenkungsgebiet - in 20 Metern Tiefe, nur sieben Kilometer vom Hafen entfernt. Auch in der Flensburger Förde, in der Lübecker Bucht, bei Rügen, Gotland und Bornholm, in der Nordsee bei Helgoland, im Skagerak ... „Man dachte, die chemische Munition sei weit weg, nicht so nah dran an den Küsten, den Menschen, man käme damit nicht in Berührung...“ (Böttcher). Wie will man die geschätzten 1,6 Millionen Tonnen korrodierender Waffen, die allein in Nord- und Ostsee liegen, finden und entsorgen? Ort, Menge, Zustand müssten herausgefunden, Spezialroboter konstruiert, die Politik wachgerüttelt und ausreichend Gelder bereit gestellt werden. Schlick und Strömungen am Meeresgrund, Gefahren beim Bau von Pipelines und Windparks verschärfen das Problem.

Zunächst muss man sich jedoch der Bedrohung bewusst werden, die am Meeresboden lauert - höchste Gefahr für das Ökosystem. Bahnt sich eine Katastrophe an? Terrance B. Long berichtete von Giftmunition vor Kanadas Küste und seiner Forschung, die einen Krebsfall in fast jeder Familie dort nachweist.

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