Unsterblich verliebt?

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23. November 2013, 00:34 Uhr

Liebe und Tod sind die großen Menschheitsthemen, die uns bewegen. Eine bewegende Szene über den Tod habe ich vor einiger Zeit im Krankenhaus beobachtet. Ein alter Mann wurde aus seinem Zimmer auf den Flur gebracht und in einen Rollstuhl gesetzt. Einen Augenblick musste er dort warten. Auf einmal hob er seine Hände und rief flehentlich: „Schwester! Schwester!“. Eine Krankenschwester kam. Sie versuchte, den Mann zu beruhigen. Sie fragte: „Wovor haben sie denn Angst?“. Der alte Mann antwortete ihr geradeheraus: „Vor dem Sterben!“. Darauf entgegnete die Schwester: „Das müssen Sie nicht!“ Was hat sie wohl gemeint?

Angst vor dem Sterben und dem Tod haben wir wohl alle. „Sterben ist das Letzte!“ So lautete eine Überschrift in einer großen Wochenzeitschrift. So wie wir verächtlich über etwas sprechen, das wir niemals tun würden. Tun wir aber. Manche tun zwar alles Mögliche, damit sie das verdrängen. Sie versuchen, sich durch große Werke und herausragende Leistungen unsterblich zu machen. Trotzdem sterben auch sie. Woody Allen hat deshalb einmal sehr schön gesagt: „Ich will am liebsten dadurch unsterblich werden, dass ich nicht sterbe.“ Da das weder ihm noch uns gelingen wird, ist es ratsamer, es mit den Worten aus Psalm 90 zu halten: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

So schwer uns das als Menschen fällt, eines kann uns helfen, das Sterben nicht nur im Denken, sondern auch in der Tat anzunehmen: die Geschichte Gottes. Denn in seinem Sohn zeigt Gott gerade, dass er nicht unsterblich in uns Menschen und das Leben verliebt ist. Am Kreuz teilt Gott unser Sterben und unseren Tod. Damit sind wir selbst am letzten Ende nicht allein, weil eben dieser Gott sterblich in uns verliebt ist. Darin liegt das Überraschende in Gott, dass er gerade sterblich verliebt ist. Gott liebt nicht das Sterben, sondern das Leben. Aber dazu gehört leider das Sterben dazu. Weil Gott unser Leben ganz und gar liebt, geht er auch in das letzte, dunkle Ende unseres Lebens, geht er in den Tod. Aber er bleibt nicht darin. Er ist für ihn nur ein Übergang zu einem neuen, zum ewigen Leben. Die Geschichte des Gottessohnes ist am Ende nicht am Ende, sondern wirklich eine Lebensgeschichte. Denn nach dem Tod beginnt neues Leben.

Wenn Gott so in das Sterben und in den Tod gehen kann, können wir es hoffentlich auch. Denn dann sind wir damit nicht allein. Dann können wir davon ausgehen, dass das Leben und die Liebe gerade am Ende stärker sind als der Tod. Das Geheimnis dieser Liebe besteht darin, dass sie immer weitergeht.

Sterben ist doch nicht das Letzte, sondern zu guter Letzt bleibt die Hoffnung auf die Liebe des sterblich in uns Verliebten.


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