Das Fußball-Sommerloch : Ungeliebte Fastenzeit der Fans

shz+ Logo
Die Sommerpause ist für Fußball-Fans eine öde und schwierige Zeit.  Fotomontage: Roland Koesling
Die Sommerpause ist für Fußball-Fans eine öde und schwierige Zeit. Fotomontage: Roland Koesling

Warum Fans in der Fußball-Sommerpause so leiden und gut gemeinte Ratschläge zumeist nicht helfen.

Exklusiv für
shz+ Nutzer
shz+ Logo

Avatar_shz von
10. Juli 2019, 18:39 Uhr

Eckernförde | Fußball – die schönste Nebensache der Welt – schenkt dem Fan nicht nur Stunden höchster Glückseligkeit, sondern auch das Gegenteil von alledem. Verliert die eigene Mannschaft, so ist die Stimmung mindestens für ein Wochenende versaut. Am Schlimmsten ist ein Abstieg in die untere Liga. Das tut ganz weh und bringt das Leben erst einmal in eine gewisse Schieflage. Fußballfans müssen hart im Nehmen sein. Oder sie haben sich den FC Bayern München zum Liebling auserkoren.

Die Sommerpause ist schlimmer als Fußpilz

Eine ganz eigene Härte, die ausnahmslos und regelmäßig alle Fußballfans trifft, ist die Sommerpause von Mitte Mai bis August. Der Ligabetrieb ruht, wie es im Funktionärsdeutsch heißt. Die Sommerpause ist schlimmer als Fußpilz. Denn Fußpilz lässt sich zumeist vermeiden, die Sommerpause nicht.

Es trifft den Fan jedes Mal frontal und unvorbereitet

Das weiß der Fan auch vorher und doch trifft es ihn jedes Mal frontal und unvorbereitet. Noch gestern rollte der Ball, Spannung pur in den Stadien und am Bildschirm, dann Abpfiff, Jubel, Tränen - Schluss, Ende der Saison. Wirklich Ende. Keine Ligaspiele mehr im TV, kein Stadionbesuch, keine Schiedsrichterschelte, keine Vorberichte, keine Spielanalysen und Interviews, kein „Wonti“ und kein „Loddar“. Alle und alles weg, die Spieler und Trainer im Urlaub, die Geschäftsstellen geschlossen und der Sportkanal schwarz.

Die jährliche Sinnkrise

Zurück bleibt der Fan, gefühlt von allen allein und sich selbst überlassen. Die Zeit seiner jährlichen Sinnkrise übernimmt. Besonders hart sind für ihn die ersten Wochenenden der Sommerpause. Ein Gefühl der Leere liegt bleiern über den Tagen. Es fehlt eine Tagesstruktur. Die Struktur von Anpfiff und Abpfiff. Der einzige Anpfiff kann von genervten Partnern kommen.

Der Blick mal leer, mal hilflos suchend

Denn manch ein Fan wirkt nun auffallend apathisch, scheinbar in sich gekehrt, der Blick mal leer, mal hilflos suchend. Ein Anderer zeigt sich eher leicht reizbar, unruhig und ziellos. Rückblicke im TV auf die letzte Saison oder eine Frauen-WM sind für ihn keine wirkliche Ersatzdroge. Es gibt keine Art von Methadonprogramm für Fußballfans in der Sommerpause. Auch nicht als App. Ebenfalls zwecklos sind gutgemeinte Ratschläge wie „jetzt hast du doch Zeit, die Garage aufzuräumen“ oder „such dir doch mal ein anderes Hobby“. Für beides ist die Sommerpause wiederum viel zu kurz.

Ein Aufstieg in Liga 1 oder Liga 2 hilft ungemein, die Sommerpause traumwandlerisch zu überbrücken

Gut oder schlecht für die Stimmungslage des Fans ist, auf welchem Tabellenplatz sein Lieblingsverein die Saison beendet hat. Ein Platz für die Champions- oder Europa League oder ein Aufstieg in Liga 1 oder Liga 2 hilft ungemein, die Sommerpause traumwandlerisch zu überbrücken. Hingegen mit einem Abstieg im Rucksack kann die fußballlose Zeit zur Qual werden. Auch ein gescheiterter, zu Saisonbeginn aber sicher geglaubter Aufstieg, kann wie ein Abstieg empfunden werden. Und wenn dazu noch der Freundeskreis höhnisch zum Klassenerhalt gratuliert …

Wie nach Wasser dürstend, saugt er jeden Tropfen Meldung über seinen Lieblingsverein auf

Jeder Fußballfan muss schließlich seinen eigenen Weg finden, wie er in der Sommerpause überwintert. Nach Wochen einer Art Zwangsfasten erwartet der Fan sehnsüchtig die ersten Vorboten der neuen Saison. Wie nach Wasser dürstend, saugt er jeden Tropfen Meldung über seinen Lieblingsverein auf. Vom Transfermarkt „wer kommt, wer geht?“, vom Trainingsauftakt, von allem, was neu ist und Hoffnung auf viele Siege versprüht. Bald folgen der Spielplan für die neue Saison, die Vorbereitungsspiele und die ersten Trainingsverletzten.

Endlich wird dieser bier- und senfversifften Vereinsschal gewaschen

Die Betriebstemperatur des Fans steigt an, der Kreislauf meldet wieder erste Herzschläge. Die Fanklamotten im Schrank werden sortiert und endlich wird dieser bier- und senfversifften Vereinsschal gewaschen – das sollte eigentlich schon im Mai passieren. Aber da fing ja die Sommerpause an …

Roland Koesling, EZ-Seniorenredaktion
 

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen