Unangenehme Gefühle auf dem Stuhl

„Der vermessene Mensch“ beim Zahnarzt oder beim Fotografen.
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„Der vermessene Mensch“ beim Zahnarzt oder beim Fotografen.

Beim Zahnarzt sind häufig unbegründete Ängste im Spiel, beim Passfoto-Fotografen geht es vorgeschriebenermaßen sehr ernst zu

shz.de von
09. Januar 2018, 14:16 Uhr

„Ich muss morgen zum Zahnarzt“, sagt der Freund, und seine Miene verrät, wie gern er auf diesen dringenden, irgendwann aber unvermeidbaren Termin verzichten würde.

Einige Menschen erfasst geradezu Panik bei dem Gedanken, sich auf einen Zahnarztstuhl setzen zu müssen und dann mit offenem Mund, also sprachlos, die Behandlung über sich ergehen zu lassen. Im Wartezimmer meint dann auch mancher, so schlimm seien seine Beschwerden eigentlich doch nicht, und er ist versucht, die Räumlichkeiten mit einem „anderen fast vergessenen dringenden Termin“ als Entschuldigung schnell wieder zu verlassen. Jedoch zu spät, die freundlich lächelnde Assistentin ruft seinen Namen auf, und es gibt kein Zurück mehr. Da kann der Arzt noch so einfühlsam zu Werke gehen, zum Beispiel eine Spritze anbieten, um den eventuell entstehenden Schmerz zu lindern; dem Patienten steht schon vor der Behandlung der Schweiß auf der Stirn. In fast aussichtslosen Fällen reist inzwischen sogar ein Hypnotiseur an und versetzt den Patienten in einen Trancezustand, so dass er von der Behandlung kaum etwas spürt. Hier wird zum Wohle der geängstigten Menschen allerlei versucht, um ihnen dieses Erlebnis einigermaßen erträglich zu gestalten.

Was aber wird für den getan, der nur dann ein Fotoatelier betritt, wenn es gar nicht mehr zu vermeiden ist? Wenn zum Beispiel ein neuer Ausweis oder Reisepass mit einem biometrischen Foto dringend erforderlich wird, weil sonst die Auslandsreise abgesagt werden muss, hilft nichts mehr.

Es gibt so beneidenswert fotogene Menschen, die auf jedem Foto blendend aussehen und die Sorge der anderen nicht verstehen können. Sie zeigen auch ihre Passfotos gerne Freunden her, während andere froh sind, wenn der Kontrolleur nur zustimmend nickt und sie das Dokument schnell wieder einstecken dürfen. Schon vor vielen Jahren erkannte der israelische Schriftsteller Ephraim Kishon sehr treffend: „Wenn Sie so aussehen wie auf Ihrem Passfoto, ist es Zeit, Urlaub zu machen!“

Aber woran liegt das nun? Am wenig begabten Fotografen, der das falsche Licht wählt oder einen schlechten Hintergrund? Der den Kunden ungünstig positioniert oder ihn nicht auf seinen verdrehten Hemdkragen aufmerksam macht? Ich bin sicher – in den meisten Fällen ist der Fotograf unschuldig.

Es liegt an den amtlichen Vorgaben für so ein Foto! War es früher das unvorteilhafte Freilegen eines Ohres, obwohl das überhaupt nicht zur Frisur passte, so ist es heute die Pflicht, möglichst streng und starr in die Kamera zu schauen und ja nicht freundlich zu gucken. Die sonst gerade beim Fototermin häufig gehörte Aufforderung „Bitte recht freundlich!“ ist hier völlig fehl am Platze. Denn nur bei einem biometrisch einwandfreien und damit unfreundlichen Bild könne bei einer Kontrolle die Identität einwandfrei festgestellt werden, heißt es. Schön oder wenigstens „ganz nett“ muss es nicht sein.

Was bleibt einem also übrig? Bringen wir es hinter uns und denken dabei an all die anderen, denen es genauso geht.


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