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Premiere : „Tunneleffekte“ – ein ungeplanter Stopp im Leben

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Elf Mitglieder des Freiheit-Ensembles aus Schleswig unter der Leitung von Claudia Piehl zeigen eine gefeierte Premiere des neuen Musiktheaterstücks „Tunneleffekte“ im Carls.

Eckernförde | Eine neue und sehr gelungene Premiere im Carls: Am Mittwoch zeigten die elf Mitglieder des Freiheit-Ensembles aus Schleswig unter der Leitung von Musical-Lehrerin, Choreografin, Autorin, Pianistin und Sängerin Claudia Piehl das neue Musiktheaterstück „Tunneleffekte“.

Ein seltsame Geschichte passiert: Menschen fahren in der U-Bahn. Plötzlich bleibt sie stehen. Die Fahrgäste – zunächst erschrocken und sprachlos - beginnen, sich in der ungewöhnlichen Situation zurechtzufinden. Als bunt zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft ist es sinnvoll, dass sich erst einmal alle vorstellen. Das geschieht in aller Genauigkeit mit Namen, Alter, Geburtsort und Beruf. Schnell wird ersichtlich, dass die einzelnen Persönlichkeiten nicht unterschiedlicher sein könnten: die freche und unangepasste, schwangere Hauptschülerin, die alternde Sängerin, die auf ein erfolgreiches Vorsingen hofft, das filigrane Model – von der eigenen Schönheit restlos überzeugt, eine Lehrerin, eine gestrenge Kirchenfrau, eine Angestellte, eine Mutter, die mit ihren Kindern aus dem ägyptischen Harem flüchtete und inzwischen am liebsten wieder zurück möchte. Man erlebt die frustrierte Alkoholikerin, die strickende Kleine mit den vielen Allergien, eine junge Kindergärtnerin mit psychologischem Feingefühl und als einzigen Mann den Wissenschaftler José. Er kann so gut und ganz lebendig die Quantentheorie erklären. Wie auch jeder andere im Laufe der „Zwangspause“ – ganz aufgeweicht von der unangenehmen Situation – zutraulich wird und eine Menge aus seinem Leben zu erzählen weiß.

Wie erstaunlich, wenn man erfährt, dass alle im Ensemble – zwischen 13 und 53 Jahre alt – sich ihre Charaktere, ihre Rollen selber ausgedacht haben. Vielleicht sind sie alle deshalb so überzeugend, so glaubhaft, ist man deshalb so gerührt, wenn die alternde Sängerin sich als „My fair Lady“ sieht und allen was vorträllert. Die Kirchenfrau hat zu allem den passenden Bibelspruch parat, und Mandy, das Modell hüpft, tanzt und spielt, dass es eine Freude ist.
Mutprobe für die sehnsüchtige Frau aus Kairo, die im farbigen Bühnennebel einen Bauchtanz wagt, frappierend der lautstarke Aufstand der schwangeren Schülerin.

Was wäre das alles jedoch gewesen ohne die perfekte Bühnenpräsenz aller Darsteller, ohne Claudia Piehl am Flügel, die täuschend echt die Geräusche einer fahrenden und bremsenden U-Bahn nachmachen kann – genuschelte Ansagen inklusive. Getoppt wurde dann alles durch die Musik. Bekannte und weniger bekannte Stücke aus Musicals, dazu Schlager und Pop-Songs machten die ganze Show erst komplett. Im Chor und als Solisten gab das Freiheit-Ensemble sein Bestes – wirklich beeindruckend und sehr überzeugend in seinem ersten Auftritt. Geld, Liebe, Lebensfreude, Hoffnung und seelische Kraft aber auch Verzweiflung und Mutlosigkeit – vieles kam zum Ausdruck.

Die Bahn ruckt, es geht weiter, und jeder hat sich in der ungeplanten, durchaus für viele angstbesetzten „Auszeit“ verwandelt. Spannend.

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