Kieler Straße : Tropfen, Salben und scharfe Buchtipps

Der alte Weihnachtsmann von Frau Lange steht nun im Schaufenster des Café Heldt in der Nicolaistraße.
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Der alte Weihnachtsmann von Frau Lange steht nun im Schaufenster des Café Heldt in der Nicolaistraße.

Stadtführerin Ilse Rathjen-Couscherung erinnert in einer Museumsführung an legendäre Geschäfte und Anekdoten rund um die Kieler Straße. Über 40 Besucher verfolgten die amüsanten Geschichten. Die Ausstellung ist noch bis zum 11. Januar zu sehen.

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15. Dezember 2014, 06:12 Uhr

Die alte Kieler Straße wie sie leibt und lebt – 42 hoch interessierte Besucher wollten sich gestern Nachmittag diesen einstündigen Exkurs von Stadtführerin Ilse Rathjen-Couscherung nicht entgehen lassen. Und sie haben ihr Kommen nicht bereut. Selbst eingefleischte Kenner der Eckernförder Geschäftswelt dürften das Museum, in dem noch bis zum 11. Januar 2015 die Ausstellung „Kieler Straße – Nerv der Stadt“ zu sehen ist, mit der einen oder anderen für sie neuen amüsanten Episode aus den legendären Läden wie Britz, Blöcker, Broecker, Hoyns, Detlefsen oder Andersen verlassen haben. Man merkte Ilse Rathjen-Couscherung an, dass sie ihr Wissen zwar auch angelesen oder in Gesprächen mit vielen älteren Eckernfördern auch „angeredet“ hat. Aber als gebürtige Eckernförderin und Unternehmerstochter hat die pensionierte Lehrerin das meiste eben auch persönlich erlebt und konnte daher frei und anekdotenreich erzählen, welch Mythen oder Geschichten sich um die charakteristischen Geschäfte und ihre Inhaber mit zum Teil liebevollen Marotten ranken. Es ist dem guten Netzwerk und der emsigen Recherche Rathjen-Couscherungs zu verdanken, das sie gleich reihenweise die charakteristischen Häuser treffend beschrieb und putzige Geschichten über das Geschäftsgebaren beisteuern konnte. Das Publikum, darunter viele ehemalige Geschäftsleute, war fachkundig genug, um dem Vortrag mit spürbarer Beteiligung zu folgen und auch hier und da mit eingestreuten Bemerkungen zu bereichern. Immer wieder wurde der liebenswerte Charakter der alten Eckernförder Einkaufsstraße anhand zahlreicher Beispiele anschaulich beschrieben.

Wer weiß heute noch, dass sich die Eckernförder Fischer in der Drogerie Broecker einst Tropfen gegen verhexte Netze kauften oder sogenannte Ratten-Würste über den Tresen gingen – fein gewürzte Würste mit entsprechender Mixtur, um den vielen bei Starkregen aus der Kanalisation hervorquellenden Ratten Herr zu werden. Die Chefin selbst hat Kosmetika hergestellt und auf den Butterdampfern an Dänen verkauft, berichtete die Referentin.

Ein Haus weiter bediente einst das Ehepaar Hoyns die Kundschaft ihrer Schlachterei in „feiner, weißer Schürze“. Weil die Hoyns das Gewerbe gewechselt haben und nun Hüte verkaufen, heißen sie im Volksmund auch „De Hootschlachter“, ergänzte eine Besucherin zur allgemeinen Freude. Die Hofbuchhandlung Carl Heldt war einst „das geistige Zentrum von Eckernförde“, wusste Ilse Rathjen-Couscherung zu berichten. Dort gab es Bücher, Kunst und Musikinstrumente und einen Bestand von 1700 Bücher in der Ausleihe. Feinste Salate und Käsesorten gab’s bei „Fett-Hansen“, dort kaufte sogar Ihre Hoheit Prinzessin Irene von Preußen von Gut Hemmelmark ein. Sobald sie im Laden war, wurde abgesperrt, damit Hoheit ungestört auswählen konnte. Nicht weit entfernt war das Geschäft von „Appel-Hansen“. Er hatte – wie damals üblich – untervermietet an Otto Behrendt. Der Urvater des noch existierenden Textil- und Modehauses fing mit 40 Quadratmetern an. Seine Spezialität: der Laufmaschenservice. Bekam die Strumpfhose eine Laufmasche, wurde diese zum Aufmaschen zu Behrendt gebracht. In der Drogerie Amdersen stellte der Inhaber allerlei Tropfen, Salben und „Pülverchen“ her. Rathjen-Couscherung fand ein altes handgeschriebenes Vorschriftenbuch, in den die Herstellung von Brunstpulver für Kühe, einer Salbe für Kalkbeine bei Hühnern oder gegen Bandwürmer bei Pferden sowie die Mixtur für das Haarwasser für „unseren Nazi-Bürgermeister Helmut Lemke“ notiert sind.

Im Modehaus Blöcker konnte Hans Blöcker einst „fuchsteufelswild“ werden, wenn ein Kunde ohne Einkauf das Geschäft verließ. Legendär ist die Verkaufspraxis, mehrere Stücke zur Auswahl mit nach Hause zu geben. Die hohe Qualität hatte sich vom „kleinsten Melker bis zum größten Gutsbesitzer“ herumgesprochen, auch Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg kaufte dort. Und Schreibwarenhändler Ludwig Britz bekam dort seine berühmten Ärmelschoner. Den Geschwistern Musal – „sie sollen nicht die freundlichsten Verkäuferinnen gewesen sein“ – hat ein Scherzbold übel mitgespielt, als er aus dem Werbespruch an ihrem Schaufenster „Und hier die Wolle für die kalten Tage“ kurzerhand das „W“ durchgestrichen hat. Huthändlerin Eva Detlefsen belebte das Geschäft mit ihren kessen Sprüchen. Um Miete zu sparen schlief sie in den ersten Jahren in ihrem Geschäft und holte sich morgens nebenan bei Feinkost Wörmbke immer eine Tafel Feodora.

Ilse Rathjen-Couscherung hatte noch viele Geschichten auf Lager. Lustige wie die vom verschärften Weihnachtsgeschenkbuchtipp von Buchhändlerin Margarethe Winterberg (Dichter Wilhelm Lehmann: „Sie hält die Kultur in ihren Händen“), die Fotoladenbesitzer Steinbach „Lady Chatterleys Lover“ als Lektüre für seine Frau empfohlen hat und die daraufhin erzürnt reagiert haben soll. Und traurige wie die von der von Bauschülern denunzierten Frau Britz, die sich negativ über Hitler und Göring geäußert haben soll und dann jahrelang verschwunden war.

Fasziniert blickten die Kinder früher auf den einzigen Weihnachtsmann in Eckernförde, der in der Konditorei von Frau Lange den Kunden zunickte. Genau dieser Weihnachtsmann befindet sich heute immer noch im Schaufenster einer Konditorei, nur nicht mehr in der Kieler Straße, sondern im Café Heldt in der Nicolaistraße.

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