Eckernförde : Traditionsschiffe in stürmischer See

Urige Hafenkulisse: Die Traditionsschiffe am Hafen gehören zum Gesicht der Stadt. Foto: peters
Urige Hafenkulisse: Die Traditionsschiffe am Hafen gehören zum Gesicht der Stadt. Foto: peters

Betreiber sehen Traditionsschifffahrt wegen zu enger Maßstäbe der Berufsgenossenschaft in Gefahr / Entscheidung soll im Sommer fallen

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22. Mai 2012, 06:31 Uhr

Eckernförde | Sie machen aus jedem Hafen eine Spaziermeile: Traditionsschiffe verleihen der Mole Flair, hier bleiben die Passanten stehen, gucken, fotografieren. In Eckernförde gehören die hohen Masten zum Stadtbild. Doch überall im Land sehen sich die Betreiber dieser Schiffe als aussterbende Art.

Grund dafür sind laut Rieke Boom gaarden, Sprecher der Eckernförder Traditionsschiffer, die Voraussetzungen, um die Schiffssicherungszeugnisse von der Berufsgenossenschaft für Transport und Verkehrswirtschaft (BG Verkehr) in Hamburg zu erhalten, ohne die kein Schiff auslaufen darf. "Zu ihnen gehören drei Säulen", so Boomgaarden. "Die Schiffe müssen historische Wasserfahrzeuge sein, auf ihnen muss die traditionelle Seemannschaft vermittelt werden, und sie dürfen nicht kommerziell betrieben werden." Gerade am ersten Punkt jedoch scheint es zu hapern: Es werden Nachweise in Form von alten Fotos oder Zeichnungen verlangt. "Mein Schiff Sigandor ist 103 Jahre alt. In dieser Zeit hat es zwei Weltkriege gegeben, das Schiff hat fünf Mal das Register gewechselt. Da ist viel verloren gegangen." Historische Bilder des Schiffes gibt es zwar einige, jedoch zeigen sie nicht den Namen des Schiffes.

Auch die "Freedom" trifft es hart: 1990 versah der Eigentümer des 1956 gebauten Schiffes den Rumpf mit einem Originalnachbau des Balearenschoners "Isla Ebunita" - "ein Prunkschiff", sagt Boomgaarden. Doch eben nicht original. Und auch Wolfgang Beyer von der "Jachara" hat ein Problem. Sein Gaffelschoner wurde 1951 gebaut. Zur gleichen Zeit hat man diesen Schiffstyp auch als Fischkutter verwendet. Nun ist es an ihm zu beweisen, dass sein Schiff ein Originalsegler ist.

Die gesetzliche Lage dazu ist zurzeit wankelmütig: Das Hamburgische Oberverwaltungsgericht hat im Oktober 2009 entschieden, dass ein Traditionsschiff nur dann als solches zu gelten hat, wenn es vollkommen original ist. "Wenn man diesen Maßstab anlegt, dann sind die meisten Schiffe raus", sagt Kai Krüger, Justiziar der Dienststelle Schiffssicherheit der BG Verkehr. Deshalb werden zurzeit Gespräche zwischen dem Dachverband der deutschen Traditionsschiffe (GSHW), dem Bundesverkehrsministerium und der BG Verkehr geführt, um das zu verhindern. "Vor dem Hintergrund dieser Gespräche stellen wir nur vorläufige Dreimonatszeugnisse für die Schiffe aus", so Krüger. Für die betroffenen Traditionsschiffer ein schwieriger Zustand, brauchen sie doch Planungssicherheit, um zugesagte Törns auch fahren zu können. Und die Zukunft ist völlig offen. Doch ein Licht ist am Ende des Tunnels: Wie Nikolaus Kern, Schatzmeister der GSHW auf Anfrage der Eckernförder Zeitung sagt, wird mit Verhandlungsergebnissen noch im Sommer gerechnet. Über Inhalte konnte er keine Auskünfte geben.

Die Sicherheitsrichtlinie für Traditionsschiffe gibt es seit dem Jahr 2000. Anfangs entschied eine gemeinsame Kommission aus GSHW und See BG (Vorläuferin der BG Verkehr) über die Zulassungen, doch die See BG kündigte die Zusammenarbeit auf, weil sie in Teilen anderer Auffassung war. 2005 nahm sie das Heft in die Hand und setzte streckenweise andere Maßstäbe an. Als einem Eigner die Anerkennung als Traditionsschiffer verweigert wurde, ging dieser vor das Hamburgische Oberverwaltungsgericht, das der Genossenschaft Recht gab.

Sollte sich die rechtliche Lage trotz der laufenden Gespräche nicht ändern, bliebe den Traditionsseglern die Möglichkeit, ihre Schiffe bis zu einer gewissen Größe als Sonderfahrzeuge anzumelden. Zwei Nachteile hat das für sie: Zum einen genügt ihr Sportseeschifferschein nicht mehr, und sie müssten ein Kapitänspatent wie in der Berufsschifffahrt haben. Zum anderen dürfen nur bis zu zwölf Personen mitfahren. Momentan dürfen auf der Sigandor und Freedom 45 und auf der Jachara 35 Personen als Tagesgäste fahren. Rieke Boomgaarden rechnet vor: "Wenn bei mir eine Gruppe von herzkranken Kindern mitfahren möchte, habe ich drei Mann Besatzung und vier Mann medizinisches Personal an Bord. Da bleibt nur noch Platz für fünf Kinder." Auch Wolfgang Beyer schüttelt den Kopf: "Bei zwölf Personen zahlt man nur noch drauf." Doch so weit wird es wahrscheinlich nicht kommen.

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