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Eckernförder Zeitung

15. Dezember 2017 | 13:48 Uhr

2. Weltkrieg : Torpedos: Die fingierte Krise

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Experte für Marinegeschichte, Bernhard Tiepolt aus Eckernförde, hat sich intensiv mit der Aufarbeitung der „Torpedokrise“ im 2. Weltkrieg befasst. Mit neuen Erkenntnissen: Die Torpedokrise Anfang des 2. Weltkrieges war eine psychologische, keine technische.

Eckernförde | Vor 75 Jahren zu Beginn des 2. Weltkrieges war bei der Marine von der „Torpedokrise“ die Rede, die besonders die Torpedoversuchsanstalt in Eckernförde betraf. Beamte in leitenden Funktionen wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Hinter den Kulissen war es wohl der Befehlshaber der U-Boot-Flotte und spätere Großadmiral Karl Dönitz selbst, der mit einer fingierten Krise von anderen Problemen ablenken wollte.

Im September und Oktober 1939 wurde die deutsche U-Boot-Waffe gegen England mit Schwierigkeiten konfrontiert, die besonders den Einsatz der Gefechtstorpedos aus der Torpedoschmiede in Eckernförde und damit die Torpedoversuchsanstalt (TVA) betrafen. Die Probleme erfuhren eine Steigerung beim Unternehmen „Weserübung“, der Besetzung Dänemarks und Norwegens im April 1940. Daraus erwuchs der Begriff der „Torpedokrise“. Leiter der TVA war Konteradmiral Oskar Wehr (1886-1968), der in den 60er Jahren in der Berliner Straße in Eckernförde wohnte.

1933 arbeiteten rund 400 Menschen bei der TVA. Es herrschte Mangel an Fachpersonal, so dass die ihr übertragenen Aufgaben in Quantität und Qualität nicht sachgerecht ausgeführt werden konnten. Dennoch wurde die Serienfertigung der Standard-Torpedos 1932 freigegeben. Als 1935 die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt wurde, nahm der Arbeitsumfang noch erheblich zu. Das hatte negative Auswirkungen auf die Qualität und Sorgfalt der Erprobungsschüsse und deren Auswertung. Als Folge wurden Torpedoschwächen langsamer als üblich erkannt und nur schleppend beseitigt. Verschärft wurden die Probleme noch dadurch, dass Tiefwasser- und Seegangserprobungen zu dieser Zeit kaum möglich waren.

Am 3. September 1939 begann der U-Boot-Krieg. Schon wenige Tage später häuften sich die Meldungen über Torpedoversager, ebenso ab April 1940. Der Befehlshaber der U-Boot-Waffe stellte fest, er habe „keine brauchbare Torpedowaffe mehr“. Es stellte sich die Schuldfrage. Im April 1940 bildete sich eine Torpedo-Kommission, die nach dreimonatiger Untersuchung berichtete, dass „keinerlei Schuld, nicht einmal eine Disziplinarverfehlung vorliege.“ Ab Juli 1940 begann die Untersuchung durch das Reichskriegsgericht, das ebenfalls keine Schuld nachweisen konnte. Gründe für die Misserfolge seien taktisch-operative Fehleinschätzungen gewesen. Auch sei das Unternehmen „Weserübung“ im Vorfeld unzureichend an die Technik angepasst gewesen. Das Verfahren wurde eingestellt.

Trotz dieses Ergebnisses ordnete der Oberbefehlshaber der Marine, Großadmiral Erich Raeder, 1941 ein Ermittlungsverfahren vor dem Reichskriegsgericht an. Der Oberreichskriegsanwalt als höchster Anklagevertreter der Wehrmacht stellte daraufhin sein Amt zur Verfügung: Er sei eher bereit, die Verteidigung zu übernehmen. Deshalb übernahm sein Vertreter die Anklagevertretung.

Die Anklageschrift war gegen Flagoffiziere und Wehrmachtsbeamte in leitenden Positionen, unter anderem bei der TVA gerichtet, darunter Oskar Wehr, Leiter der TVA zwischen 1935 und 1939, sowie zwei leitende Ingenieure. Die zehnwöchige Hauptverhandlung begann im Oktober 1941. Das Ergebnis: Oskar Wehr wurde zu zwei Jahren und sechs Monaten wegen Außerachtlassung pflichtgemäßer Aufmerksamkeit und falscher Bewertung der im Sommer 1939 vorgebrachten technischen Bedenken verurteilt. Ein Ingenieur erhielt neun Monate wegen Außerachtlassung des Grundsatzes, dass Komponenten einer Waffe erprobt sein müssen. Sein Kollege wurde zu einem Jahr und sechs Monaten wegen Unterlassung von Maßnahmen und Untersuchungen zur raschen und durchgreifenden Abhilfe von Torpedomängeln verurteilt. Nach Abschluss der Verhandlung soll der Oberreichskriegsrat zu Admiral Wehr gesagt haben: „Von Schuld, Herr Admiral, wollen wir nicht reden, Schicksal!“

Im Februar 1942 wurden die Strafen in Festungshaft, also Ehrenstrafe, umgewandelt. Nach sechs Monaten wurden die Verurteilten aus der Haft entlassen. Sie wurden der Luftwaffe für Torpedofragen zur Verfügung gestellt. 1944 wurden die Strafen aufgehoben. Alle „Beschuldigten“ erhielten Kriegsversdienstkreuze für die gleiche Tätigkeit bei der Luftwaffe, für die sie bei der Marine mit Gefängnisstrafen belegt worden waren.

Wer hatte ein Interesse an der Durchführung des Prozesses, obgleich die Torpedokommission und die Voruntersuchung keinen Schuldnachweis erbracht hatten? Karl Dönitz als Repräsentant der U-Boot-Waffe betonte immer wieder die psychologische Wirkung der Fakten, um Nimbus und Motivation der U-Boot-Waffe hochzuhalten und um von den operativen Misserfolgen des U-Boot-Einsatzes abzulenken. Er verwies auf die Torpedotechnik, um damit den Blick auf Beteiligte außerhalb der U-Boot-Waffe zu lenken.

Es handelte sich um eine bewusst inszenierte, psychologisch wirkungsvolle Legendenbildung einer Torpedokrise, die dazu angetan war, von den menschlichen Schwächen und Unwägbarkeiten beim Waffensystemeinsatz abzulenken und falsche Urteile und Vorurteile über die Torpedowaffe zu schaffen. Auch Generaladmiral a.D. Karl Witzell (seinerzeit Chef der Marinewaffenhauptamtes und Zeuge im Torpedoprozess) wusste: „Es war eigentlich keine Torpedokrise, also keine Krise der Technik, sondern eine psychologische.“

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