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Theatergemeinschaft : Tellergerichte voller Taktlosigkeiten

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Bedeutungslose Tragödie, statt pointenreicher, schwarzer Komödie: Das „Neue Globe Theater“ Potsdam enttäuscht mit seiner Adaption von Josef Haders „Indien“.

Eckernförde | Es gibt Theaterabende, die bleiben positiv im Gedächtnis. Sie begeistern mit ihrer Ausstattung, der Schauspielkunst, der Atmosphäre, kurz gesagt mit der ganzen Art der Inszenierung, regen zum Nachdenken an, lassen einen in andere, manchmal auch fremde Welten reisen und überzeugen schlichtweg durch die richtige Portion Humor. Es gibt aber auch Theaterabende, die negativ im Gedächtnis bleiben, weil sie versuchen, originell zu sein, es aber nicht sind. Weil sie versuchen, einen Stil zu kopieren, aber daran scheitern und obendrein noch einen unangenehmen, schalen Nachgeschmack hinterlassen. So etwas passiert zum Glück nicht häufig – zu gehaltvoll ist die deutschsprachige Theaterlandschaft. Manchmal jedoch ereilt es einen, Zeuge eines solchen „theatralischen Unglücks“ zu werden. Wie am vergangenen Freitagabend in der Stadthalle.

Als „Schnitzeljagd durch die deutsche Provinz“ im Untertitel hatte das „Neue Globe Theater“ aus Potsdam seine Adaption des Stücks „Indien“ von Josef Hader – einem der populärsten Kabarettisten Österreichs – und seinem Kollegen Alfred Dorfer angekündigt. Das aufwendig visuell aufgezogene Programmheft inklusive Currypulvermischung „Scharfes Stück“ versprach verheißungsvoll „ein Stück für zwei Vollblutkomödianten, angesiedelt irgendwo zwischen Gerhard Polt und Loriot.“ Heraus kam eine zweistündige Tour de Force durch die brandenburgische Bedeutungslosigkeit, serviert auf Tellergerichten voller Taktlosigkeiten unter der Gürtellinie.

Die ungleichen Männer Kurt Fellner – förmlich, respektvoll, gebildet – und Heinz Bösel – prollig, rassistisch, einfältig – reisen gemeinsam durch Brandenburg und bewerten für eine Tourismusbroschüre Gaststätten. Fellner testet die Unterbringung, Bösel futtert sich durch Schnitzel und lässt sich für eine gute Bewertung auch gerne mal reichlich Alkohol servieren.

So weit, so gut: Bis hierher ist es noch ganz lustig, beginnt dann aber zunehmend in die verbale Geschmacklosigkeit abzudriften. Im Rausch spricht Fellner auch schon mal abfällig über seine Frau, sagt Sätze wie: „Ich bums die eigentlich nur noch, um ihr eins auszuwischen.“ Nach einigen sexistischen und rassistischen Ausfällen seines Kollegen befindet Fellner: „Herr Bösel, ich glaube, Sie sind einfach eine bescheuerte, ignorante Arschgeige.“

Im zweiten Teil des Stücks entflieht der Prolet Fellner der Realität durch Geschichten über sein Sehnsuchtsland Indien. Verklärt berichtet er von Hochzeitsbräuchen, Wiedergeburt und indische Esskultur: „Die sitzen auf der Straße, essen Reis, lachen dabei und manche verhungern.“ Die anfängliche gegenseitige Ablehnung der Protagonisten verändert sich zwischen Schnitzeln und diversen Grappa langsam in eine Männerfreundschaft.

Anfänglich war dem Schauspieler-Trio Andreas Erfurth (Heinz Bösel), Sebastian Bischoff (Kurt Fellner) und Saro Emirze (mal die singende Witwe, die Wirtin, Dr. Singh und der Krankenhaus-Clown) – unter anderem Absolventen der schauspielerischen Kaderschmiede Ernst-Busch in Berlin – die Lacher des Publikums sicher. Man hatte sich auf einen kurzweiligen, aber gehaltvollen Abend eingestellt. Bereits im Verlauf der ersten Hälfte wich aber diese positive Stimmung einem betretenen Schweigen. Zu peinlich waren einfach jene Dialoge zwischen Bösel und Fellner, die eigentlich nur um Themen wie Saufen, Kacken, Fressen und Vögeln kreisten. Keine Spur von jener schwarzen Komik eines Loriot, jener bissigen Satire eines Gerhard Polt. Selbst die musikalischen Schlagereinlagen konnten das mehrgängige (Schnitzel-)Menü, das von seiner Ausstattung her etwas von Heinz Strunks „Studio Braun“-Ästhetik zu verheißen schien, nicht wirklich retten, obwohl Saro Emirze schauspielerisch am präsentesten war.

Schade, wenn Theater zu einer bedeutungslosen Tragödie verkommt.

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