Tauchgänge unter Lebensgefahr

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Erste improvisierte Tauchversuche mit Gasmaske, Ziegelschuhen und Luftschlauch im Bombentrichter

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13. Mai 2019, 17:40 Uhr

Eckernförde/Herford |
Einmal im Jahr wurden die Schütten am Bergertor geöffnet. Das gestaute Wasser abgelassen. Damit wurden die Kleine Werre, an der Waschhäuser lagen und die Bowerre mit Wäschereien, Färbereien, Fabriken, Bexten-Mühle und E-Werk am Wilhelmspatz trockengelegt. Grund war die Reinigung dieser Flussarme, die als heimliche Entsorger fungierten. Alles was nicht mehr intakt war, wurde hinein geworfen. Töpfe, Email-Schüsseln, Zinkwannen, Felgen. Wir Kinder suchten dann in den Tümpeln nach Fischen, die eingekesselt waren. Überwiegend Glasaale, die in einem Aquarium in der Schule am Wilhelmsplatz gesammelt wurden, um sie später wieder auszusetzen.

Aber einmal jährlich kam auch ein Taucher, ein Helmtaucher, der die Schütten und das Wehr bei gestautem Wasser kontrollierte (diese Schütten waren 4 bis 6 Meter hoch, der Vorraum musste vor dem Öffnen kontrolliert werden, wegen Unrats, der sonst ein Schließen hätte verhindern können.) Eine Sensation! Am Weddigenufer ging er ins Wasser, an einem Seil geführt, blubberte er sich zum Stau. Mit einer Doppelluftpumpe, die von zwei Männern bedient wurde, wurde er mit Luft versorgt. Wenn er aus dem Wasser kam, machten sich die Bediener immer ein Späßken mit ihm. Sie nahmen ihm die Bleigewichte und die Bleischuhe ab und warfen ihn wieder in die Werre. Kopfüber, wegen der Schwere des Kupferhelmes trieb er dann an einer Leine, wie ein aufgeblasenes Schwein im Wasser. Das war wohl ein Ritual.

Wir wollten Taucher werden. Es gab zwei Arten von Gasmasken: eine zivile, ganz einfach, mit einer Gummitülle, die man sich über den Kopf zog, und eine militärische. Letztere ließ sich mit Nackenriemen einstellen, war so zum Tauchen geeignet. Einen alten mit Draht stabilisierten Gewebeschlauch eines Staubsaugers verbanden wir mit der Filteröffnung. Malerkitt als Dichtungsmittel. Die Dichtigkeit wurde in der Zinnwanne in der Waschküche überprüft. Karl-Ludwig, Sohn des Flussbadeanstaltbetreibers bei Overbeck, besorgte eine alte Korkschwimmweste, deren Teile benutzten wir als Schwimmer des Schnorchels.

Dort, wo der Taucher zu Wasser ging, war es wegen der Strömung für uns zu gefährlich, wir wählten das Freibad hinter der Lippschen Bahn. Zwar war das Wasser dort sehr flach wegen der Sandbänke, aber unter der Eisenbahnbrücke waren einige Bombentrichter, die die nötige Tiefe hatten. Doch das ging voll daneben, denn mit der Maske auf dem Kopf erreichte man keine Tiefe, der Körper schwamm auf (interessant aber war, wie weit und wie scharf man unter Wasser mit der Maske gucken konnte, Taucherbrillen kannten wir nicht). Was uns fehlte, waren Bleischuhe.

Dem Niebuhr, Nachbar aus der Creden, dessen Hausgarten sich dem Hinterhof Komtur 7 anschloss, haben wir dann die Pattschuhe geklaut. Holzschuhe, unter die er sich kleine Brettchen genagelt hatte, um sich Wege in den frisch umgegrabenen Garten zu treten. Unter diese Bretter haben wir Bonneberger (Ziegelei bei Vlotho, bekannt durch harte, blau gebrannte Ziegel) gebunden. Bändselmaterial hatten wir genug. Die Seilerei in der Johannis hatte Halbtreffer, die Reeperbahn zur Bleiche noch intakt und der Lagerkeller uns Kindern zugänglich.

Mit unseren Bleischuhen habe ich dann den ersten Tauchversuch im Bombentrichter gestartet. Erst bei ganz geringer Wassertiefe ging das ganz gut, doch plötzlich konnte ich nur noch ausatmen. Ich bekam, obwohl der Schnorchel intakt war, keine Luft mehr. Es war wie Ersticken. Eigentlich unvorstellbar. Wieder und wieder haben es auch die anderen versucht. Immer der Ohnmacht nahe. Zum Glück konnten wir die Holzschuhe stets abstreifen. Eigentlich hatten wir uns unwissend in Lebensgefahr gebracht (heute weiß ich, dass es unter Wasser Druckflaschen, Druckminderer und eines Atemgerätes bedarf).

Manche Menschen leben so vorsichtig, die sterben fast neu. Zu denen gehöre ich nicht.

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