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Außergewöhnlicher Vortrag : Tanz auf dem Vulkan der Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Armin Diedrichsen und Jochem Wolff ließen die Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg auf höchst unterhaltsame Weise Revue passieren

von
erstellt am 24.Nov.2014 | 12:40 Uhr

Live im Rathaus Eckernförde: Zwei Urgesteine des Radiofeatures, Jochem Wolff und Armin Diedrichsen stellten im Rahmen der Langen Nacht der Musik ein wichtiges Stück Gesellschaftsgeschichte dar. Klar und verständlich deuteten sie Zusammenhänge einer Zeit, deren Nachwirkungen bis heute spürbar ist: Die Entwicklung zum 1. Weltkrieg, die schon lange vor der Jahrhundertwende begann, mit einer technischen und künstlerischen Revolution einherging und als Beginn einer neuen Ordnung des sozialen Gefüges gesehen werden kann. Schade, dass bei dem „Schietwetter“ (Kulturbeauftragte Andrea Stephan) nur ein gutes Dutzend Zuhörer den Weg ins Rathaus gefunden hatten. Angesichts der kleinen Zuhörerschar tröstete Jochem Wolff mit einem Schiller-Zitat: „Man muss die Stimmen nicht zählen, man muss sie wägen!“ Somit war der Ratssaal gefühlt voll besetzt.

Dieser außergewöhnliche Vortrag – sowohl von der Art, als auch vom Thema mit ausführlichen Darstellungen durch Klang- und Bildbeispiele –, machte den Tanz auf dem Vulkan der Geschichte in allen Bereichen klar. So wurde nachvollziehbar, warum vor 100 Jahren der 1. Weltkrieg als logischer Endpunkt einer Entwicklung erschien. Von der ersten bis letzten Sekunde war man gefangen von den reichlichen und lebendig durch die beiden Sprecher vorgetragenen Daten und Details. „Im Sommer des Jahrhundert 1913 hat die Menschheit ihre Unschuld verloren“ schrieb Stefan Zweig in „Die Welt von gestern.“ Mit aktuellen Erkenntnissen bereichert, wurde nach einem Jahrhundertsommer 1914 der Enthusiasmus nachvollziehbar, in den vermeintlich nur vier Monate dauernden Kampf zu ziehen. Schließlich wurden vier Jahre daraus, mit zehn Millionen Toten und vier Millionen schwerst versehrten Menschen.

Eindrucksvoll, wie Wolff und Diedrichsen Zusammenhänge mit Beispielen aus der darstellenden und bildenden Kunst sowie Musik als Beleg für den damaligen Wandel des Zeitgeistes belegten. Darin Igor Stravinskys „Sacre du printemps“, eine Ballettmusik, die bei ihrer Uraufführung einen handfesten Skandal mit Schlägerei auslöste. „Dass ein Musik- oder Theaterstück heute so etwas auslöst, ist nicht mehr vorstellbar“, sagte Armin Diedrichsen.

Nach dem Kriegsende 1918/19 wurde die Gleichberechtigung, das Frauenwahlrecht eingeführt. Neue Wohnformen entstanden, Medien wie das Radio und sehr viel später Fernsehen eroberten die Haushalte. „Damals gab es noch Fortschrittsglauben.“ Mit Massenmotorisierung, Autos, Eisenbahn und Flugzeugen wurden Entfernungen schneller überbrückt. Die Welt schien kleiner zu werden. Das war auch in den Künsten nachzuvollziehen: Franz Kafka, James Joyce schufen neue Erzählformen, mit Paul Cézanne, Vincent von Gogh und Henri de Toulouse-Lautrec begann der Aufbruch in die Moderne der Malerei. „Die Tonsprache wurde härter, stampfende Rhythmen kommen auf, Endzeitstimmung machte sich breit“. Klangbeispiele von Kurt Weill, Maurice Ravel, Serge Prokofiev und Gustav Mahler unterstrichen das Gesagte.

Ein Vortrag mit Langzeitwirkung. Der Wunsch war groß, die beiden nochmals einzuladen. Dann mit viel mehr Publikum. Verdient haben sie es, und noch viel mehr die Besucher selbst. Wer nicht dabei war, hat Wesentliches versäumt.

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