ZWEITE TANZZEIT IM OSTSEEBAD : Tango Argentino – pure Melancholie

Das Profipaar zeigt die richtige Haltung beim Tango.
Das Profipaar zeigt die richtige Haltung beim Tango.

Wegen des schlechten Wetters wurde am Sonnabend im „Spieker“ getanzt. Für die musikalische Gestaltung war das „Quartetto Soul Tango“ verantwortlich.

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26. Juni 2017, 05:05 Uhr

Eckernförde | „Der Tango Argentino ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann. “ Mit diesen poetischen Worten des argentinischen Komponisten Enrique Santos Descépolo begrüßte die Akkordeonistin Meike Salzmann – eigentlich bekannt als musikalische Partnerin Ulrich Lehnas im Duo „Sing Your Soul“ – die Tänzerinnen und Tänzer, die am vergangenen Sonnabend zur zweiten „Tanzzeit“, ausgerichtet von der Stadt Eckernförde, in diesem Sommer gekommen waren. Salzmann, Ulrich Lehna an der Klarinette, Gerhard Breier an der Gitarre und Joachim Roth am Kontrabass bildeten das Quartett „Quartetto Soul Tango“, das die stilechte musikalische Untermalung der Tanzzeit ganz im Geiste des Tango Argentino übernahm.

„Eins, zwo, drei, vier, kreuzen, Abschluss, Schritt.“ Martin Schuhmann, Tanzlehrer des Abends, wird nicht müde, die Schrittabfolge wie ein buddhistisches Mantra in das Mikrofon zu sprechen. Bereits seit einer Stunde übten die Tangoneulinge in den Räumlichkeiten des „Spiekers“ bei Musik vom Band den entscheidenden Grundschritt, als das „Quartetto Soul Tango“ die Bühne betrat. Nun sollte die erlernte Schrittkombination, die doch bei Schuhmann und seiner Tanzpartnerin so leicht und elegant aussah, doch bitte eigentlich sitzen. „Einen ganz heißen Tipp hätte ich da für Sie alle“, hilft Schuhmann mit einem Augenzwinkern auf die Sprünge: „Wir drehen immer nach links!“. Bei einigen huschte das berühmte „Aha-Erlebnis“ über das Gesicht, während das eine oder andere Paar strauchelt. Mit der „Cruzada“, der tangotypischen Überkreuzung der Beine, will es bei den Damen nicht immer im Takt klappen. Auch die Führungsqualität einiger Herren wirkte ebenfalls nicht entschlossen und energisch genug, um den Tanz zum Ausdruck eines Kampfes in Form eines Festes werden zu lassen, wie der große Literat Jorge Luis Borges den Nationaltanz seiner Heimat Argentinien charakteristisch zusammenfasst.

Der durch das große Interesse an der argentinisch angehauchten Tanzzeit stark beengte Raum im „Spieker“ tut an diesem Abend sein Übriges, so dass kleinere tänzerische Kollisionen der einzelnen Paare nicht immer zu vermeiden sind. Aufgrund des sehr windigen Wetters war die Veranstaltung kurzerhand vom großzügigen Parkplatzareal der Speicherpassage in den „Spieker“ verlegt worden. Für einige bleibt an diesem Abend so nur der Stuhl am Rand der Tanzfläche, um das Treiben auf der Tanzfläche zum Teil amüsiert, zum Teil mit bewundernden Blicken zu verfolgen. „Wir sind eigentlich nur gekommen, um unsere Nachbarn einmal tanzen zu sehen“, gibt eine Zuschauerin zu und ist froh, an diesem Abend nicht das Tanzbein zu schwingen. Mit ihrem verstorbenen Mann habe sie viel getanzt – vor allem Standardtänze, wie Walzer, Discofox und sogar Tango -– aber „Tango Argentino“ war nicht im ehelichen Tanzrepertoire dabei. Der europäische Standardtango ist nämlich auch nicht mit seinem lateinamerikanischen Bruder zu vergleichen. Denn, wo die Standardversion noch feste Schrittfolgen wie Paraden und Wiegeschritt kennt, wird die argentinische Version wesentlich freier und häufig auch improvisierter getanzt. Dazu kommt die ungewohnt andere Körperhaltung, die die Paare zueinander einnehmen müssen. Dazu ist notwendig, dass die Partner oft etwas einander zugeneigt stehen beziehungsweise tanzen. Nicht so erheblich ist, wie „eng“ die Partner miteinander tanzen. Wichtig ist allein, dass das Tangopaar stets unmittelbar mit den Oberkörpern voreinander bleibt. Nur so können die Tanzenden sicherstellen, dass die Übertragung der Impulse ohne gegenseitige Missverständnisse erfolgt und auch, dass sich das Paar bei schwierigen Schrittfolgen, etwa bei Drehungen, nicht verliert und in der Achse bleibt.

Schuhmann korrigiert hierbei unermüdlich mit sanftem Nachdruck im Laufe der ersten Hälfte der Veranstaltung, die den Anfängern gewidmet ist, bevor die Könner das Parkett betreten. Einige Damen bemerken, dass es sich eigentlich barfuss besser tanzen lässt als mit lässigen Sneakern. Und wiederum einige haben sogar extra höhere Pumps oder Sandalen mitgebracht, um dem gewünschten Körpergefühl beim Tanzen näher zu kommen. Sanft zeichnet sich der Wechsel vom Anfänger zum Profi ab, als nach einer Stunde Üben die fortgeschrittenen Paare die Tanzfläche im Spieker für sich einnehmen. Zu den Klängen von Carlos Gardels „Por una Carbeza“, dem wohl berühmtesten Tango Argentino, schieben sich nun die erfahrenen Tänzer über das Parkett. Da schwingt plötzlich ein Damenbein anmutig in die Höhe, während ein Herrenfuß ihm burschikos den Weg verstellt. Ein Frauenkopf wird in den Nacken geworfen. Ein Männerarm zieht die weibliche Taille fest an sich heran. Man tanzt mit geschlossenen Augen. Der Tango Argentino ist an diesem Abend in Eckernförde angekommen.




 

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