Flüchtlinge berichten : Täglich ein kleines Stück sterben

Majid Sabook Kheez (l.) und Ali Shahrabadi berichteten von ihren Erlebnissen als Flüchtlinge in Deutschland.
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Majid Sabook Kheez (l.) und Ali Shahrabadi berichteten von ihren Erlebnissen als Flüchtlinge in Deutschland.

Flüchtlinge haben am Hafen von ihren Erlebnissen als Asylbewerber berichtet. Das Flüchtlingsboot MS Anton mit 70 Skulpturen ist auch heute noch zu sehen.

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02. Juli 2014, 05:34 Uhr

Stumm blicken sie an Land: 70 Skulpturen auf dem dänischen Fischkutter MS Anton symbolisieren Flüchtlinge mit ihren Geschichten, ihren Narben, ihren Träumen. Seit gestern wollen sie auch die Passanten im Eckernförder Hafen innehalten lassen und zum Nachdenken bringen: Welche Zusammenhänge gibt es zwischen deutscher und europäischer Politik und den Notlagen, die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat und ihrer Familien veranlassen? Das fragt auf diese Weise der dänische Künstler Jens Galschiot und die Danish Society for a Living Sea.

Was es bedeutet, ein Asylbewerber zu sein, haben gestern 13 Flüchtlinge der Gruppe „Szol ha“ selbst geschildert: „Warten, immer warten“, hieß es da, und: „Wie ein Tier zu leben, auf fünf Quadratmetern mit einem Unbekannten zusammen in einem Zimmer“. Es waren die eigenen Erfahrungen, die die Flüchtlinge aus der Region in Zusammenarbeit mit dem Verein „Umwelt – Technik – Soziales“ (UTS) und dem Landestheater zu einem Theaterstück verarbeitet haben. Gestern zeigten sie einen Ausschnitt – einen beeindruckenden. „Asylbewerber zu sein bedeutet Jahre der Flucht, ohne sich von Eltern und Familie verabschieden zu können. Es bedeutet sich zu schämen, du fühlst dich klein, es wird dir alles genommen. Du wirst ständig von der Polizei kontrolliert, obwohl du nichts falsch gemacht hast. Und: Du musst dir eine glaubwürdigere Geschichte einfallen lassen, als gefoltert worden zu sein und zwei Monate im Koma gelegen zu haben. Sind die Narben auf meinem Körper eine Lüge?

Letzteres hat Majid Sabook Kheez (39) nach eigenen Angaben tatsächlich erlebt. Der Iraner kam vor drei Jahren nach Deutschland. Als Anhänger einer oppositionellen Partei wurde er in seinem Heimatland 72 Stunden lang an den Füßen aufgehängt, misshandelt, gefoltert und lag zwei Monate im Koma. Über die Türkei und Griechenland flüchtete er nach Deutschland, wo er mit Ali Shahrabadi (27) auf fünf Quadratmetern zusammen gewohnt hat. Auch Shahrabadi kommt aus dem Iran, musste fliehen, weil seine Mutter Oppositionelle war. Sie sind in Rendsburg untergebracht und wissen beide die Freiheit zu schätzen. Sie sind dankbar dafür, dass sie aufgenommen wurden. Aber sie haben auch Kritik anzuwenden: Erst nach zwölf Monaten können sie frühestens eine Arbeitserlaubnis erhalten. Sie sind zum Nichtstun verdammt, fühlen sich durch Behörden diskriminiert. „Wenn ich noch einmal entscheiden müsste, würde ich im Iran bleiben“, sagt Majid Sabook Kheez. „Dort würde ich zwar vom Regime ermordet, aber das ist besser, als hier täglich ein kleines Stück zu sterben.“

Nach dem Ausschnitt des Theaterstücks, ging es für die meisten Flüchtlinge zum Ostsee Info-Center, wo die Gruppe „muvuca – Stimmen der Welt“ landestypische Lieder und Gedichte in den Heimatsprachen der teilnehmenden Flüchtlinge vortrug – inklusive deutscher Übersetzung.

>Die MS Anton ist auch heute noch in Eckernförde. Vormittags werden Informationen und Spielaktionen angeboten, um 14.30 Uhr wird im OIC der Film „Yaayboy – vom Fischen im Trüben“ gezeigt. Er thematisiert die Probleme von Fischern im Senegal, deren Gewässer von den Europäern leergefischt werden. Um 16 Uhr beginnt eine Andacht mit Propst Sönke Funck.

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