Ingo Appelt : Tabulose Ferkeleien am laufenden Band

Brachial-Comedian Ingo Appelt nahm auch in Eckernförde kein Blatt vor den Mund.
Foto:
1 von 2
Brachial-Comedian Ingo Appelt nahm auch in Eckernförde kein Blatt vor den Mund.

Der schonungslose Comedian Ingo Appelt lag bei seinem Auftritt zwischen Tiefflug unter die Gürtellinie und gekonnten, rotzfrechen Persiflagen – war aber dem Tiefflug näher.

shz.de von
09. Mai 2015, 06:13 Uhr

Eckernförde | Wer einen Donnerstagabend mit Ingo Appelt in der Stadthalle verbringt, der muss sich nicht fragen: Was ist guter Geschmack? Wer zu diesem Comedian geht, weiß in der Regel, was ihn erwartet. Der selbsternannte „Konkursverwalter der Männlichkeit“ ist kein Sensibelchen, und den Ausdruck „guter Geschmack“ kann man bei seinem Programm gerne außen vor lassen. Dann eher „Geschmacksache“ – denn die Besucher im vollen Saal waren da augenscheinlich ganz geteilter Meinung.

Während der kleinere Anteil wie versteinert da saß und es sichtbar nicht für möglich hielt, was da auf der Bühne abging, hatte die Mehrheit ihren Heidenspaß. Schließlich gab es zwei Stunden lang im nonstop Appelt-Alleingang alles das, was man unterhalb der Gürtellinie – ziemlich exakt geortet – so finden kann. Getreu seinem Motto „ganz ohne Sauereien geht es nicht“ nimmt er sich Themen vor, an die sich andere nicht herantrauen. Ohne Scham, also ganz unverschämt und direkt geht es ans Eingemachte: Er spricht vieles aus, woran viele insgeheim nur denken – so unverblümt und ohne jegliche Hemmung, dass einen allein schon die Überraschung vom Hocker haut.

Fragen, Beziehungsprobleme, Ungereimtheiten, Tabus – Kirche, Politiker, Sexualität -– unbegrenztes Terrain, hier wird „Heiliges“ geknackt, keine indische Kuh ist mehr sicher und Menschliches, allzu Menschliches das Programm.

„Besser … ist besser!“ hieß es und richtete sich überwiegend und gezielt an die anwesende Männerwelt – sehr zur Freude der Frauen. Provokant ging es da an männliche Schwächen, besser Eigenheiten – bekannte und verheimlichte – von Sprachlosigkeit („Männer haben kein Sprachzentrum, Frauen fünf“) bis zum „Wichsen“ und „Ficken“ – Worte, deren laute Aussprache gemeinsam mit dem Publikum erst mal geübt wurde. Thema Blut: Infos zu Menstruation und Rasur im Analbereich. Wandel im Rollenverständnis: Männer kochen, Frauen renovieren und haben Vibratoren. Männer brauchen Verständnis und Mitgefühl, schließlich sind sie in der Dauerbrunft … Das sympathisierende, augenzwinkernde Verständnis für Schwule mit allen gängigen Bildern. Und das Fazit: Männer heute - „kraftvoll aber kaputt – lediglich noch Dienstleister“, mit angeratenem Friedensangebot an ihre Frauen: „ … jaja, du hast ja recht“ und Rückzug auf eigene Interessen und Vorlieben.

Nach allen „Feuchtgebieten“ Überraschendes am Flügel – ach, singen und Klavier spielen kann er auch? Dann herrlich provozierende und absolut freche Persiflagen auf Merkel und ihre „Kanzlerraute“, Grönemeyer und seinen „präejakulären Gesang“, auf vergangene und aktuelle Politiker. „Bundeswehr-Uschi“ bekam es besonders dicke ab. Bei den „Kindersitzen in Panzern“ blieb schließlich keiner mehr ernst. Ordentlich rüpelhaft zu übertreiben, das will auch gekonnt sein. Und das hat Appelt drauf. Seiner Wirkung durchaus bewusst, lässt er schließlich auch noch die Hosen runter. Appelt unmöglich? Nein, bei ihm ist alles möglich, und vor ihm ist nichts sicher. Da gibt es noch einiges nachzudenken.


zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen