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Interview mit dem Vizepräsidenten der Weltbank : Strom für Afrika und Projekte für eine gerechtere Welt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der gebürtige Eckernförder Dr. Jan Walliser ist neuer Vizepräsident der Weltbank. Sein frühzeitiger Wechsel in die USA und außergewöhnliche Fähigkeiten haben dem 46-Jährigen eine außergewöhnliche Karriere ermöglicht.

Eckernförde | Abitur an der Jungmannschule in Eckernförde, jetzt Vizepräsident der Weltbank. Eine erstaunliche Karriere, die Dr. Jan Walliser aus Eckernförde vorzuweisen hat. Der 46-jährige Familienvater und erfolgreiche Ökonom war unlängst auf Heimatbesuch und gab der EZ ein Interview.

Die Weltbank ist zusammen mit ihrer Schwesterorganisation IWF 1944 in Bretton Woods gegründet worden. Ziel war es, im Nachkriegseuropa für eine Stabilisierung der internationalen Zahlungsströme zu sorgen. Das hat der IWF gemacht. Die Weltbank sollte Investitionen und den Wiederaufbau fördern. Der erste Kredit der Weltbank erhielt übrigens Frankreich 1946 für den Bau von Straßen.

 

Von Washington nach Eckernförde – wie viel große, weite Welt steckt da noch in einem, wenn man hier ankommt?

Die ist natürlich immer dabei, weil mein Aufgabengebiet weltweit angelegt ist. Ich habe in den vergangenen vier Jahren überwiegend in Afrika gearbeitet. Bei uns geht es um globale Fragen, die nur über die internationale Zusammenarbeit gelöst werden können, wie etwa der Klimawandel, die Entwicklungsfinanzierung oder die Bekämpfung von Ebola, um Epidemien zu vermeiden.

Und wie viel Eckernförde steckt noch in Ihnen, wenn Sie an Ihrem Schreibtisch in Washington sitzen?

Natürlich passt man sich kulturell an, aber es gibt Werte, die man mitbringt und die einen geprägt haben. Und es gibt die Familie, die mich gern nach Norddeutschland schauen lässt.

 

Vermissen Sie etwas aus Ihrer alten Heimat?

Die gute Infrastruktur, die kurzen Wege und die hohe Lebensqualität.

Eckernförde hat sich verändert, das ist auch gut so. Hat Eckernförde sich denn auch zum Guten verändert?

Was ich sehe, ist eine Stadt, die weiterhin wächst. Als ich vor 20 Jahren aus Eckernförde wegging, hieß es immer: Wird die Stadt überleben? Findet man hier noch genug Arbeitsplätze? Hat die Stadt noch eine Chance, wenn die Bundeswehr schrumpft? Man sieht jetzt das Gegenteil: Eckernförde ist attraktiv geworden, die Immobilienpreise sind gestiegen, der Hafen entwickelt sich, es sind neue Wohngebiete entstanden.

Gibt es etwas in Eckernförde oder Schleswig-Holstein, was Sie von Washington aus aktiv verfolgen?

Wir sind sehr interessiert am Thema Klimawandel und erneuerbaren Energien. Hier spielt Schleswig-Holstein mit der Windenergie eine Vorreiterrolle. Uns interessiert, wie man solche Erfahrungen auf Niedrigeinkommensländer übertragen kann. Und ansonsten lese ich online einiges über die Landespolitik. Ich weiß schon noch, wer Ministerpräsident ist.

Machen Sie den jungen Menschen doch einmal Mut: Wie schafft es ein junger Mann aus Eckernförde auf einen Chefsessel der Weltbank?
Ein bisschen Glück gehört natürlich dazu. Im Grunde ist es ein Wahrnehmen von Möglichkeiten, die sich auftun. Eine wichtige Weichenstellung erfolgte nach dem Abschluss meines Studiums in Kiel: Entweder den Weg eines Doktoranden zu gehen und als Assistent für einen Professor weiterzuarbeiten, oder die Möglichkeit wahrzunehmen, in den USA ein Doktorandenstudium zu absolvieren. Ich habe das zweite gewählt, und damit haben sich einige Türen geöffnet. Es gab dann noch einen zweiten Entscheidungspunkt: Ich hatte mein Doktorandenstudium noch nicht ganz abgeschlossen, als ich die Möglichkeit bekam, für zwei Jahre im politisch neutralen Budgetbüro des amerikanischen Kongresses zu arbeiten und dort Mitarbeiter, Abgeordnete und Senatoren zu beraten. Dadurch konnte ich meine Kenntnisse aus dem Ökonomiestudium durch Politikberatung verbreitern, was mir den Weg geöffnet hat in die internationalen Organisationen. Danach habe ich für dreieinhalb Jahre beim IWF (Internationaler Währungsfonds) in Niedrigeinkommensländern wie Senegal oder Jemen gearbeitet und bin 2002 zur Weltbank gewechselt. Wichtig ist, durch eine Verbreiterung der beruflichen Basis immer wieder neue Möglichkeiten zu eröffnen. Es gibt nicht nur einen geradlinigen Weg der beruflichen Karriere.

 

Aber Sie haben sich die Weltbank bewusst ausgesucht und sind nicht zu Goldman Sachs gegangen.
Die Weltbank hat eine ganz andere Aufgabe als herkömmliche Banken. Sie ist als internationale Organisation mit 188 Mitgliedsländern – Deutschland ist der viertgrößte Anteilseigner – die primäre Entwicklungsorganisation der Welt. Die Weltbank kümmert sich um große Projekte im gesamten wirtschaftlichen Umfeld der Länder in Bereichen wie Energie, Wasserwirtschaft oder Transport. Die Vielfalt dieser Aufgabe an der Grenze von Wirtschaftspolitik und Entwicklung hat mich schon immer fasziniert.

 

Wie läuft es mit der Verteilung der Mittel?

Das Eigenkapital der ursprünglichen Weltbank beträgt ungefähr 42 Milliarden US-Dollar. Mit diesem Kapital können wir auf dem Kapitalmarkt arbeiten und weitere Mittel für Projekte einwerben. Da setzt dann auch ein Hebeleffekt ein, weil jeder von unseren Anteilseignern bereitgestellte Dollar Investitionen von zwei bis fünf Dollar auslöst. Zusätzlich gibt es als Teil der Weltbank seit 1960 die Internationale Entwicklungsagentur (IDA), die Zuschüsse und konzessionäre Kredite vergibt an die ärmsten Mitgliedsländer, überwiegend in Afrika. Im letzten Fiskaljahr haben wir von der IDA 19 Milliarden US-Dollar als Zuschüsse oder Kredite vergeben, die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung hat weitere 23,5 Milliarden US-Dollar ausgeliehen. Pro Jahr fließen zwischen 40 und 45 Milliarden US-Dollar. Kredite werden bei der Weltbank nur an Regierungen ausgezahlt. Für Kredite an den Privatsektor haben wir eine weitere Agentur, die Internationale Finance Coorporation (IFC), die Bestandteil der Weltbankgruppe ist.

 

Wie sieht Ihr Aufgabengebiet als Vizepräsident der Weltbank aus?

Ich habe meinen Posten gerade erst am 1. Juli angetreten. Für das operative Geschäft gibt es bei uns neun Vizepräsidenten. Mein Arbeitsbereich umfasst ökonomische und institutionelle Themen und das Finanzwesen. Also alles, was unsere Kredite und Beratungstätigkeit für Makroökonomie, Armutseinschätzung, institutionelle Reformen, finanzielle Stabilität sowie den Handels- und Wettbewerbsbereich angeht. Ich bin zuständig für weltweit rund 2000 Mitarbeiter in über 100 Länderbüros.

Welche Beispiele jüngst geförderter Projekte können Sie nennen?

Im Bereich der erneuerbaren Energien zählt die Finanzierung von Lom Pangar, einem Regulierungsdamm in Kamerun, dazu. Er wird dazu führen, dass unterhalb des Staudamms auf der gesamten Strecke des Sanaga-Flusses bis zu 6000 Megawatt Strom erzeugt werden können. Das Projekt befindet sich in der Bauphase und wird voraussichtlich 2016 fertiggestellt. Die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards sind dabei sehr wichtig. Weltweit werden etwa 90 Prozent des Wassers zur Energieerzeugung genutzt, in Afrika sind es nur etwa 10 Prozent. Nur etwa jeder dritte Afrikaner hat derzeit Zugang zu Elektrizität, wir möchten helfen, diese Energielücke zu schließen, und zwar möglichst ohne fossile Brennstoffe.

Ein anderes Projekt aus dem Sozialbereich ist ein Programm zur Stärkung von Rechten von Frauen in der Sahelzone. Dort haben die Frauen sieben bis acht Kinder, und Mädchen werden oft schon mit 12 und 13 Jahren verheiratet. Mit unserem Programm möchten wir neun Länder zusammenbringen, um den jungen Frauen und auch den Männern Zugang zu einer neuen Bevölkerungsplanung unter Berücksichtigung der kulturellen Identität zu verschaffen. Das ist natürlich auch eine Frage der Bildung, die wir mit weiteren Programmen fördern.

 

In Afrika scheint fast ständig die Sonne, beste Voraussetzungen für die Nutzung der Solarenergie. Ist das ein Feld, das genügend beackert wird?

Ein interessantes Thema und genau der Bereich, in den wir versuchen zu investieren. Wir haben einige interessante Erfahrungen gemacht. Zum einen im Falle eines Solarkraftwerks in Südafrika, wo der Preis für die Kilowattstunde auf wettbewerbsfähige 6 Cent gedrückt werden konnte. In Mali haben wir ein Solarprojekt begonnen, das überwiegend auf dörflicher Ebene angesiedelt ist. Ähnliche Vorhaben planen wir mit bis zu 100 Megawatt auch im Senegal. Die Einspeisepreise sollen wettbewerbsfähig werden, notfalls mit Subventionen in der Investitionsphase. Im Schnitt wird thermische Energie in Afrika derzeit für rund 20 bis 25 US-Cent produziert, in manchen Ländern sogar für über 50 US-Cent.

Eine weitere Möglichkeit, Investitionen zu fördern, sind Garantien, die wir übernehmen. Unser Exekutivausschuss hat kürzlich eine Garantie genehmigt, die dazu führen wird, dass in Ghana zwei Unternehmen über 8 Milliarden US-Dollar investieren können. Es soll ein großes Gasfeld vor der Küste Ghanas entwickelt und in Elektrizität umgewandelt werden. Erdgas ist eine viel saubere Energie als das importierte Öl. Wir erreichen durch diese Garantien fast einen Faktor 10 bei den Investitionen. In Uganda machen wir das gleiche mit kleinen Wasserkraftwerken mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), wo wir private Investoren finden, die Wasserkraftwerke von 5 bis 10 Megawatt bauen. Wir geben dann eine Einzahlungsgarantie für die Einspeisung ins Netz, das gibt den Investoren wiederum die Möglichkeit, Bankkredite zu bekommen.


Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab. Neben Krieg und Verfolgung ist auch die Armut ein Grund für Menschen, ihre Heimat zu verlassen, oft unter Einsatz ihres Lebens. Sehen Sie Möglichkeiten, das Leid zu lindern, so dass die Menschen dort bleiben, wo sie sind?
Eine unserer großen Aufgaben ist es, mit den fragilen Staaten zu arbeiten. Dafür haben wir einen Stab von 20 bis 30 Leuten, die in instabilen Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik oder Libyen eingesetzt werden. In Somalia investieren wir über Geberländer in die Stabilisierung der Regierung. Die zentrale Frage ist: Wie kann man in den Ursprungsländern, aber auch in den Transitländern Stabilität und Wachstum fördern und dadurch Flüchtlingsströme reduzieren? Wir greifen immer aus ökonomischen Gründen ein, nie aus politischen Gründen. Das ist in unserer Charta festgeschrieben. Deswegen haben wir eine Aufgabenteilung für humanitäre Hilfe mit den Vereinten Nationen (UN) und konzentrieren uns auf die Beschleunigung der ökonomischen Entwicklung und die Integration von Flüchtlingen. Aber nicht jedes Land, das ein niedriges Einkommensniveau hat, wird auch zum Sendungsland von Flüchtlingen. Da spielen auch Fragen der internen Stabilität und der Zugang zu Arbeitsplätzen eine Rolle.

 

Ein großes Problem in Afrika ist die Korruption. Wie geht die Weltbank damit um?
Wir stehen im Dialog mit den Regierungen und bauen mehr Transparenz ein, zum Beispiel durch Standards im öffentlichen Finanzwesen und bei der Überwachung von Ausgaben. Korruption ist aber nicht nur ein Problem der Empfängerländer: Unsere interne Untersuchungsbehörde findet auch Korruption und Preisabsprachen bei Kontraktnehmern von Projekten in entwickelten Ländern und Schwellenländern. Wenn wir das nachweisen, werden diese teilweise auch renommierten Firmen für längere Zeit gesperrt.

 

China ist sehr aktiv in Afrika, um sich begehrte Bodenschätze wie Seltene Erde zu sichern. Inwiefern wird dadurch die Arbeit der Weltbank in Afrika erschwert?

Ich würde eher sagen, für viele Länder ist es eine Gelegenheit, Rohstoffe zu exportieren. Die Frage ist ja nicht, ob man diese Rohstoffe exportiert, sondern inwieweit die Regierungen darauf achten, dass Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden und wie transparent die Teilung dieser Ressourcen ist. Laufen die Steuern und Gebühren durchs Budget? Und wird das Geld anschließend richtig investiert? Darauf achten wir.

Der IWF als Teil des Finanzsystems ist derzeit eindeutig stärker im Fokus der Öffentlichkeit als die Weltbank. Wir wissen warum. Wie beurteilen Sie die griechische Frage?
Wir sind als Weltbank nicht involviert, weil Griechenland als Hocheinkommensland von uns keine Kredite bekommt.

 

Wer im Internet zum Thema Weltbank recherchiert, stößt schnell auf kritische Beiträge. Da sind Vorwürfe zu lesen, dass 3,4 Millionen Menschen für Infrastrukturprojekte, die von der Weltbank finanziert wurden, zwangsumgesiedelt wurden. Es fehle an Kontrolle der Projekte und Schutzmaßnahmen für die betroffenen Menschen. Das sagt das internationale Konsortium investigativer Journalisten mit Sitz in Washington. Wie ernst nehmen Sie diese Kritik?
Wir stellen uns dieser Kritik aktiv. Unsere Mittel werden Regierungen zur Verfügung gestellt, die damit ihre eigenen Projekte umsetzen. Unsere Aufgabe ist die Überwachung der Vereinbarung und Ziele der Projekte unter unseren Umwelt- und Sozialstandards. Wenn mindestens zwei Personen meinen, ein Weltbank-Projekt hält diese nicht ein, können sie sich an einen unabhängigen Untersuchungsausschuss wenden, der diese Vorwürfe untersucht. Resultate solcher Untersuchungen werden veröffentlicht und führen gegebenenfalls zu korrektiven Maßnahmen. Was die Umsiedlungsfrage angeht, haben wir schon eine eigene interne Weltbankstudie und entsprechende Korrekturmaßnahmen veröffentlicht, um die Auswirkungen von Projekten besser zu überwachen und zu dokumentieren. Zum anderen muss man mit manchen Zahlen vorsichtig sein. Der von Ihnen zitierte Artikel musste korrigiert werden, weil alle von Weltbank-Projekten Betroffene erfasst wurden und nicht nur die tatsächlich umgesiedelten Menschen. In einigen Fälle war ich persönlich involviert, kenne die Details und weiß, wo das Problem lag, welche Ziele wir verfolgen und welche korrektiven Maßnahmen wir umgesetzt haben. Der Mensch steht für uns als Entwicklungsagentur dabei immer im Zentrum. Die Darstellung von Dritten in den Medien spiegelt dagegen auch oft eine breitere politische Debatte über Entwicklungsfragen wider, die manchmal über die eigentlichen Fakten hinausgeht.

 

Scharf kritisiert wurden Kredite für einen großen Palmölhersteller, der in Lateinamerika den Urwald abholzt, um Anbauflächen zu gewinnen.

Diese Finanzierung kam von unserem Privatsektor, der IFC. Unser Exekutivausschuss – auch ein unabhängiges Panel für die IFC – hat sich ausführlich damit befasst. Dort sind Korrekturen und Anpassungen unserer Arbeit erfolgt.

 

Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus? Sie sind 46 Jahre – noch 21 Jahre Weltbank, vielleicht sogar als Präsident?

Ich mache immer die Arbeit, die mir übertragen wird. Ich habe jetzt gerade als Vizepräsident angefangen. Mal schauen, welche Resultate ich dort erzielen kann. Der Präsident der Weltbank wird von unseren Anteilseignern ausgewählt, und das ist keine Karriereposition, sondern ein politischer Prozess.

Und Ihre private Zukunft? Könnten Sie sich vorstellen, später im Alter wieder in Eckernförde zu leben?

Das wird davon abhängen, wo der Lebensmittelpunkt der Kinder ist. Da werden wir dann wohl in der Nähe bleiben wollen.


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erstellt am 29.Aug.2015 | 06:24 Uhr

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