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Überfüllt und Stickig : Stresstest für Bahnfahrer

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Gerd Müller hat eine mehr als stressige Bahnfahrt hinter sich. Der Eckernförder berichtet von drangvoller Enge und schlechter Luft. Warum setzt die Bahn nicht mehr Waggons ein, fragt er sich.

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erstellt am 18.Sep.2014 | 06:36 Uhr

Es war ein schönes Wochenende, das Gerd Müller in Bonn verbrachte. Erst feierte er den 75. Geburtstag seiner Schwester, dann besuchte er eine Ausstellung über die Geschichte Roms. Um die rund 600 Kilometer von Eckernförde nach Bonn nicht mit dem Auto fahren zu müssen, wählte der 73-Jährige den vermeintlich unbeschwerlicheren Weg per Bahn. „Auf der Hinfahrt lief alles glatt“, erzählt Müller. Die Bahn kam pünktlich am Bonner Hauptbahnhof an und die Weiterfahrt verlief problemlos. Einzig die Rückreise ins heimatliche Eckernförde trübte die Eindrücke des Wochenendes, denn ab Hamburg begann für Müller eine quälende Odyssee.

Mit etwa 30 Minuten Verspätung erreichte der Intercity aus Bonn den Hamburger Hauptbahnhof. Doch die Freude darüber den Anschlusszug, ein Regionalexpress nach Kiel, noch rechtzeitig zu erreichen, währte nur kurz. Als Müller die Treppen zu Gleis 7a in Hamburg hinabstieg, kam die Ernüchterung: Die rund 800 Sitzplätze der sieben Doppelstockwaggons sind völlig ausgelastet, Menschentrauben sammeln sich vor den Eingangsbereichen und Fahrgäste drängen sich bereits in den Gängen des Zuges.

Mit etwa zehnminütiger Verspätung startet der Zug schließlich Richtung Kiel. Aufgrund eines Bauabschnittes bei Tornesch-Elmshorn betrug die Verspätung bis Kiel rund 20 Minuten. „Die Verspätung ist nicht das Problem“, räumt Müller ein. Vielmehr haben die Menschenmassen und die stickige Luft in den Abteilen Müller zu schaffen gemacht. Vor allem aber das dürftige Krisenmanagement der Bahn prangert der 73-Jährige an. Warum gab es keinen zweiten Waggon oder einen zusätzlichen Zug? Wieso verhinderte das Bahnpersonal nicht, dass immer mehr Reisende in den Zug einstiegen?

Die Not der Reisenden machte sie offenbar erfinderisch. Um Frischluft ins Abteil zu lassen, öffneten die Fahrgäste die Türen zwischen den Waggons und entriegelten ein WC-Fenster – trotz der Lärm- und Geruchsbelästigung. „Wie im Viehtransport“, schildert Müller die Situation im Abteil. Nur spärlich drangen Informationen zu den Reisenden. Keine Ansagen über die genaue Dauer der Verspätung. „Auch Ansprechpartner auf den Gleisen oder im Zug fehlten“, sagt Müller.

„Bei dem betroffenen Zug scheint es keine Hinweise des Zugpersonals gegeben zu haben“, räumte eine Sprecherin der Bahn auf Nachfrage unserer Zeitung ein. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass eine Verbesserung der Situation so einfach nicht sei. „Der Einsatz weiterer Wagen ist bei den RE-Zügen zwischen Hamburg und Kiel nicht möglich, da mit sieben Wagen die maximale zugelassene Zuglänge erreicht ist“, so die Bahnsprecherin. Grundsätzlich gelte als Faustregel: Der Zug darf nur so lang sein, wie der kürzeste Bahnsteig auf der Strecke. Gleis 7a in Hamburg ist so etwa mit sieben Zügen ausgereizt. Auch der kurzfristige Einsatz eines weiteren Zuges lässt sich laut Bahn nicht so leicht bewerkstelligen, wie erboste Reisende oft annehmen. „Lok, Wagen und Personal müssten sofort verfügbar, die Trasse muss bestellt und frei von anderen Zugfahrten sein.“ Zudem seien die wenigsten Fahrgäste gewillt, dieses Angebot anzunehmen, da längere Wartezeiten damit verbunden sind. „Sollte der Zug wirklich so stark besetzt gewesen sein, ist es sicherlich nachvollziehbar, dass Zugbegleiter nicht in allen Wagen präsent sein können.“

Gute Nachricht für die Bahn: Störungen oder Einschränkungen der Klimaanlage hat es auf der Strecke nicht gegeben.

 

Für Müller endete die Bahnreise am Montag zumindest etwas versöhnlich – die Bahn erstatte ihm 25 Prozent des Ticketpreises.

>Seit Sommer 2009 gelten einheitlichen Fahrgast-Rechte. Über die Möglichkeiten und Rechte von Bahnkunden kann sich auf der Internetseite www.fahrgastrechte.info

 

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