Landwirtschaft : Steinesammeln wie vor 40 Jahren

Christopher (14) leert seinen Drahtkorb voller Steine auf dem Hänger aus. Ulrike Wichmann schaut bereits wieder auf den Boden, stets die größeren Steine im Blick.
Christopher (14) leert seinen Drahtkorb voller Steine auf dem Hänger aus. Ulrike Wichmann schaut bereits wieder auf den Boden, stets die größeren Steine im Blick.

Im März beginnt auf den Feldern das Steinesammeln. Bis Mitte April muss die Arbeit beendet sein. In Zeiten, wo in der Landwirtschaft Spitzentechnologie zum Einsatz kommt, geht das Sammeln aber nur per Hand.

Avatar_shz von
07. März 2014, 18:46 Uhr

Haby | Steine haben ein hohes Alter und wollen sich einfach nicht einer modernen Technik anpassen, während in die  Landwirtschaft  die Spitzentechnologie schon lange eingezogen ist.  Volldrehpflüge, ein 20-Reihen-Vorsatz für den Maishäcksler oder eine leistungsstarke Rundballenpresse gehören zur Standardausrüstung. Fast alle Arbeiten auf dem Feld und in der Ernte sind ohne modernste Maschinen in Hightech-Qualität  heute undenkbar. Fast alle – wären da nicht diese Steine auf den Feldern, die ungeachtet aller modernsten technischen Entwicklungen zum Trotz auch heute noch mühsam wie vor 40 Jahren mit der Hand gesammelt werden müssen.

Auch Klaus-Jürgen Wichmann, Landwirt in Haby, macht sich an diesem Tag an die Arbeit. Auf dem Hof stehen der 90 PS starke Massey Ferguson samt Hänger, auf dem die Brüder Alex (17), Christopher (14) und der Neffe Marek (11) bereits sitzen. Schwägerin Ulrike (44) geht die wenigen Meter zur Koppel zu Fuß. Drei Hektar Weizen sollen an diesem Nachmittag abgesammelt werden. Ausgestattet mit Handkörben aus Drahtgeflecht sammeln der Landwirt, Alex, Ulrike und Christopher auf beiden Seiten des Treckergespanns die Steine. Nur die Größeren mit einem Mindestumfang von zehn Zentimetern, die Kleineren bleiben liegen. Sie können am Mähwerk des Mähdreschers keinen Schaden anrichten.

Marek hat Glück. Er muss sich  nicht dauernd bücken und schwere Steine aufheben, was auf Dauer für den Rücken recht anstrengend ist. Der Elfjährige darf heute zum ersten Mal allein den Trecker fahren.  Wichtig für ihn: die Zugmaschine in der Spur halten, weil ansonsten zu viel Land kaputt gefahren wird, und die Treckerreifen die noch zarten Weizenpflanzen beschädigen. 

„Einmal im Jahr muss jede Koppel abgesammelt werden“, sagt Wichmann (50). Das ist dann die Stunde der drei Jungen. Auch vor 40 Jahren waren es besonders die Kinder der Bauern, die hier helfen mussten. Da  Wichmann selbst keine Kinder hat, leiht er sich sozusagen welche. Und die helfen gern. „Es macht Spaß und ich habe so ein bisschen mehr Taschengeld“, erzählt Christopher. Sowohl für ihn als auch für seinen Bruder Alex ist es kein Problem, auch sonnabends bereits morgen um 8 Uhr auf der Koppel zu sein. Denn insgesamt hat Wichmann 30 Hektar Kornland abzusammeln. Dafür braucht er rund 20 Stunden. Es gilt also das Motto „je mehr Hände, desto schneller fertig“. Bis Mitte April müssen die Felder abgesammelt sein. Ansonsten ist das Korn bereits zu hoch, und die Steine sind nur noch schlecht zu sehen.

„Schon früher mussten wir Kinder stets beim Steinesammeln, Rübenhacken und Strohfahren helfen“, erinnert sich der Landwirt, der den Hof 1995 von seinen Eltern Paul und Helga Wichmann übernommen hat. Geblieben ist davon nur noch das Steinesammeln. Statt Rüben wird jetzt Mais als Futter angebaut, für das Strohfahren gibt es modernste Rundballenpressen. Im nächsten Jahr werden zwei Hände bei der Arbeit fehlen – jedenfalls werktags. Alex, der schon seit seinem siebten Lebensjahr auf dem Milchviehbetrieb hilft, beginnt im August eine Ausbildung als Fachinformatiker. Für den Gudewerdt-Realschüler stellt diese körperliche Arbeit einen echten Ausgleich dar, den er eigentlich nicht missen möchte.

Und warum findet man immer wieder Steine, obwohl die Koppeln jedes  Jahr abgesammelt werden? Eine Frage, die sich schon alle Bauernkinder über Generationen hinweg  immer wieder gestellt haben. Auch Klaus-Jürgen Wichmann.  Aber jetzt  hat er zumindest eine einleuchtende Erklärung parat: „Wenn man den Stein wegnimmt, sackt an dieser Stelle die Erde ab, und es gelangt eine neuer Stein von unten nach oben an die Erdoberfläche.“

Solange also nicht eine ausgefeilte Technologie erfunden wird, müssen die Steine wie früher mit der Hand gesammelt werden. „Steinesammeln ist und bleibt ungeliebte Handarbeit“.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen