Freiheit in Owschlag : Starke Frauen wagen Neustart

Die 66-jährige Fatemeh Mirzai  ist eine der wenigen älteren Frauen, die die Flucht nach Deutschland geschafft hat.
1 von 3
Die 66-jährige Fatemeh Mirzai ist eine der wenigen älteren Frauen, die die Flucht nach Deutschland geschafft hat.

Im Alter von 66 Jahren ist Fatemeh Mirzai gemeinsam mit ihrer Tochter geflohen / Neues Gefühl von Eigenständigkeit

von
30. März 2017, 06:55 Uhr

Ihr Leben lang hat Fatemeh Mirzai von Freiheit nur geträumt. Heute – im Alter von 66 Jahren – erfährt die Frau aus Afghanistan zum ersten Mal, was dieses Wort eigentlich bedeutet. In der Eckernförder Innenstadt alleine einkaufen gehen zu können, selber entscheiden, was auf den Esstisch kommt, und sich in ihrem neuen Wohnort Owschlag frei bewegen zu dürfen: All das ist für Fatemeh Mirzai alles andere als selbstverständlich.


Jahrelang das eigene Haus nicht verlassen dürfen


„Ich hätte so gerne die Schule besucht“, erzählt die Afghanin. Doch das war nur ihren zwölf Brüdern erlaubt. Wie viele Schwestern sie genau hatte, kann Mirzai gar nicht sagen. Nur die Jungen waren wichtig, berichtet sie. Trotzdem sei ihre Kindheit eigentlich gut gewesen. „Meine schönste Erinnerung ist, als mein Papa mir getrocknetes Obst schenkte und ich damit eine Halskette machte.“ Doch als Mirzai verheiratet wurde, änderte sich schlagartig alles für sie.

Im Alter von nur 15 Jahren musste sie den Bund der Ehe eingehen und aus dem Elternhaus ausziehen. Sie war sogar verliebt in den jungen Mann – keine Selbstverständlichkeit bei afghanischen Ehen. Doch was sie nicht wusste, war das Heirat auch bedeutete, nie wieder das Haus verlassen zu dürfen. Ob Kleidung, Lebensmittel oder Haushaltswaren – alles besorgte ihr Ehemann, damit sie ja nicht nach draußen ging.

Ihre Schwiegereltern wohnten gemeinsam mit dem jungen Ehepaar im Haus. Fatemeh Mirzai übernahm Aufgaben im Haushalt – Kochen und Putzen stand täglich auf dem Programm. „Aber wenn sie mit mir nicht zufrieden waren, wurde ich geschlagen“, berichtet sie. Als ihre Schwiegereltern verstarben, lockerte ihr Mann die Regeln ein wenig. Das Nötigste durfte Mirzai von da an alleine einkaufen gehen. Drei Kinder brachte die Frau aus Afghanistan zur Welt – zwei Mädchen und einen Jungen. Doch die Taliban töteten ihren Ehemann und einzigen Sohn. Sie blieb alleine mit den zwei Töchtern zurück.

Eine von ihnen floh schließlich in den Iran, mit Jalda blieb die Mutter von da an fast nur noch im Haus. „Wir hatten große Angst. Wir fühlten uns hilflos in diesem gefährlichen Land“, erinnert sie sich. Nur selten trauten sie sich auf die Straße. Und als ein Mann schließlich damit drohte, die Frauen zu töten, wenn er die Tochter nicht zur Frau bekäme, blieb ihnen nur noch die Flucht.


Trotz gebrochenen Fußes ging es weiter in die Türkei


Sie verkauften ihr Grundstück, um einem Schlepper 12    000 Dollar bezahlen zu können. Er brachte die Frauen nach Griechenland. Trotz gebrochenen Fußes schafften es Tochter Jalda und ihre Mutter zu Fuß in die Türkei. Für die 66-Jährige war der Weg aufgrund des Alters besonders beschwerlich. Sie glaubte nicht daran, lebend nach Deutschland zu kommen. Doch sie wollte, dass es ihrer Tochter in diesem Land einmal besser geht als ihr selbst – dieser Gedanke habe ihr die nötige Kraft gegeben.

„Ich finde es hier so viel besser, weil Frauen ihre Entscheidungen treffen können. Sie entscheiden, wen sie heiraten, ob und wann sie Kinder wollen, ob sie arbeiten oder zur Schule gehen möchten. Sie dürfen auf die Straße, ohne die Erlaubnis ihrer Ehemänner. Das ist ein gutes Gefühl. Ich bin 66 und jetzt darf ich entscheiden, was ich will. Viele afghanische Frauen haben das nie erlebt.“

zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen