zur Navigation springen

Einwohnerversammlung: Nooröffnung : „Stadtreparatur“ in großem Stil

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Nooröffnungsplaner Klaus Petersen wirbt für das Eckernförder Zukunftsprojekt. Dabei ist die Bebauung der Gaehtjestraße Teil des Gesamtkonzepts.

von
erstellt am 02.Feb.2017 | 06:59 Uhr

Eckernförde | Die vierte Einwohnerversammlung zur Nooröffnung (Vorstellung der Fortschreibung des Rahmenplans Innenstadt 2008, des Siegerentwurfs des Ideenwettbewerbs 2010 und der Ergebnisse der interfraktionelle Arbeitsgruppe 2015) dürfte nicht nur die vorerst letzte, sondern auch die wichtigste gewesen sein. Denn das Gesamtprojekt bliebe unvollendet, wenn die wasserseitige Bebauung der Gaehtjestraße als Teilkomplex durch den Bürgerentscheid am Sonntag aus der Planung herausgebrochen werden würde. Darauf wiesen der Planer Klaus Petersen und Bürgermeister Jörg Sibbel am Dienstagabend in der mit 600 Besuchern überfüllten Stadthalle hin. Ein Verzicht auf die drei geplanten Gebäude hätte unweigerlich den Verlust der Förderfähigkeit für dieses Areal zur Folge – 1,5 Millionen Euro nannte der Bürgermeister die Konsequenzen einer Ablehnung des Bauvorhabens an der Gaehtjestraße. Für ihn komme ein Aussitzen des Bürgervotums während der zweijährigen Bindungsfrist nicht in Frage, um anschließend die Dateien mit dem Ziel eines erneuten Planungsvorstoßes wieder zu öffnen – das sei mit seinem „Demokratieverständnis“ nicht vereinbar, so Sibbel. Seiner Auffassung nach sei die Stadt dauerhaft an das Mehrheitsvotum des Bürgerentscheids gebunden. Und das wäre im Falle eines Bauverzichts aller Voraussicht nach gleichbedeutend mit dem Aus auch aller anderen Planungen rund um die Gaehtjestraße: Umbau der Straße und Bau der Promenade. Denn dass die Stadt die Kosten von 706  000 Euro (Umbau Gaehtjestraße) und 992  250 Euro (Promenade) allein trägt, wenn sich Bund und Land aus der Drittelfinanzierung zurückziehen, dürfte angesichts der Vielzahl anderer finanzieller Verpflichtungen unwahrscheinlich sein.

Man wolle „die einmalige Lage Eckernfördes erlebbar machen“, sagte der Bürgermeister eingangs, um dann die Vorgeschichte und lange Planungsphase des Projekts Nooröffnung zu erläutern. Parallel dazu habe man die erforderlichen Grundstücke für insgesamt 8,75 Millionen Euro erworben, wobei sich Bund und Land zu jeweils einem Drittel daran beteiligten, wie auch an allen mit dem Stadtumbau-West-Projekt verbundenen Kosten. In der interfraktionelle Arbeitsgruppe habe man auch Kritik Rechnung getragen und sich auf eine Reduzierung des Bauvolumens und der -höhen an der Gaehtjestraße geeinigt – ursprünglich seien dort mehr Gebäude und drei Vollgeschosse geplant gewesen.

Die in der Bürgerschaft umstrittene Bebauung der Gaehtjestraße spielte in der Einwohnerversammlung erwartungsgemäß die zentrale Rolle. Das wusste auch der Sieger des Ideenwettbewerbs, Architekt Klaus Petersen vom Lübecker Architektur- und Stadtplanungsbüro „Petersen Pörksen Partner“, der mit seinen sachlichen und überzeugenden Ausführungen bereits die Zuhörer bei der Veranstaltung des Altstadtvereins am 16. Januar in der Aula des Finanzamtes für seine städtebaulichen Überlegungen gewinnen konnte. Das gelang ihm auch diesmal. Petersen wies auf die historischen und für Eckernförde typischen Bezüge in seiner Planung hin. Er möchte die 1929 aus wirtschaftlichen Erwägungen – man brauchte Platz für Gewerbe und die Hafenbahn – erfolgte Zuschüttung des Noores durch die Anlegung der Wasserfläche Nooröffnung wieder korrigieren. Für ihn ist das „keine neue Erfindung“, sondern eine „Stadtreparatur. Heute wäre es undenkbar, eine Wasserfläche wie das Noor zuzuschütten“. Noor und Hafen bleiben weiter durch den Steindamm und seine Stautore getrennt, um den Naturraum Windebyer Noor vor Überschwemmungen zu schützen. Eckernförde habe durch die unmittelbare Nähe von Strand, Hafen und Noor „wahnsinnige Qualitäten“, die es in kaum einer anderen Stadt gebe. „Sie können stolz darauf sein, was Sie haben und in welcher Stadt Sie wohnen! Es ist eigentlich alles da, man braucht es nur zu entwickeln.“

Petersen erläuterte die notwendig gewordenen Planungsänderungen, die aus dem Ansiedlungsverzicht von Markant und Aldi resultierten. Ein Kernpunkt der Entwicklung sei der Steindamm mit Brückenfunktion zur Innenstadt als verkehrsberuhigter Bereich mit Aufenthaltscharakter, den Noorterrassen auf der einen und der „harten Hafenkante“ auf der anderen Seite. Er plädiert für den Bau eines größeren Gebäudes im Stile eines Torhauses auf dem Steindamm, das beispielsweise von der Touristik bezogen werden könnte. Am Stadtufer der Nooröffnung plant er eine zwei- und dreigeschossige Bebauung in zwei Reihen, insgesamt rund 80 Mietwohnungen. Der Anteil der sozial geförderten Wohnungen mit einer Nettokaltmiete von 5,20 Euro pro Quadratmeter beträgt nach Auskunft von Bürgermeister Sibbel mindestens 25 Prozent. Es sei ausdrücklicher Wunsch der Ratsversammlung, allen Bevölkerungsschichten das innenstadtnahe Wohnen in attraktiver Umgebung zu ermöglichen.

Mit den Worten „jetzt geht’s zur Sache“ leitete Petersen zum Thema Gaehtjestraße über. Die ursprünglich vorhandenen Häuser an der Wasserseite seien in den 60er-Jahren wegen der Verkehrsplanung abgerissen worden. „Wenn dort heute noch Häuser stehen würden, wäre keiner auf die Idee gekommen, sie abzureißen – es hätte sich sofort eine Bürgerinitiative gebildet.“ Die Wiederbebauung des Uferstreifens sei aus städtebaulicher Sicht dringend geboten und würde der Straße und dem Ufer in aller gebotenen „Kleinmaßstäblichkeit“ Halt und Struktur geben. Petersen riet dazu, nicht nur die Traufhöhe (7 Meter) der drei geplanten Gebäude, sondern auch die Gesamthöhe festzulegen, um dann Gestaltungsbeispiele aus Skagen, Finnland und Wismar zu zeigen. Eine eingeschossige Bebauung sei „nicht diskutabel, sie entfaltet keine räumliche Wirkung.“

Neben der Politik (siehe „Kurzstatements“) hatte auch Dr. Falk Buettner als einer der drei Initiatoren des Bürgerentscheids die Möglichkeit zur Stellungnahme. Er stellte „Sinnfragen“. „Was haben wir Eckernförder Bürger von einer Bebauung an der Gaehtjestraße?“ lautete eine davon, „wie kann eine Bebauung der Gaehtjestraße Touristen vom Ostseestrand zum ’Verweilen’ an dieser Straße überzeugen?“, die andere. Buettner kritisierte, dass die 2014 von Bürgervorsteherin Karin Himstedt von der Bürgerinitiative erbetenen und auch prompt gelieferten Vorschläge zur Nutzung des Pflanzhügels an der Gaehtjestraße in der vorherigen Einwohnerversammlung ignoriert worden seien. Das Bürgerbegehren sei dann „zur logischen Konsequenz auf die Verweigerungshaltung der Politik“ geworden. Buettner setzte nach, sprach von „falschen Perspektiven“ der gezeigten „Bildchen“. „Die Politik weiß wohl selbst nicht mehr, was sie will und verunsichert die Bürger immer mehr.“ Kein „Un-Sinn“ werde ausgelassen, um die Bürger „mit immer neuen, verwirrenden Ideen zu verunsichern“. Er plädierte für einen Planungs- und Baustopp an der Gaehtjestraße. „Zwei Jahre Be-Sinnung auf die am Anfang gestellten Fragen, eine neue Ratsversammlung, und dann wird man weitersehen.“ „Ihre Unterstellungen und Wortwahl tragen nicht zur Vertrauensbildung bei“, ließ die Bürgervorsteherin wissen. „Auf dieses Niveau werden wir uns nicht begeben.“ Heftige Kritik an Buettner äußerte auch Martin Klimach-Dreger (SPD): „Ein sehr schwaches Bild. Was Sie hier abgezogen haben, ist der Sache nicht dienlich.“ Katharina Heldt (CDU) sagte, dass auch Buettner für eine Bebauung gewesen sei. Die Entwicklung der Gaehtjestraße könne vielversprechend werden, wie das Beispiel Frau-Clara-Straße zeige. Eine Entgegnung wurde Buettner nicht gestattet.

Zahlreiche Bürger nutzten die Gelegenheit zu Fragen oder kurzen Stellungnahmen. Gabriele Pahms, selbst Architektin, lobte die Planer, fragte aber nach der Umsetzung der Vorgaben wie Traufhöhen oder Sichtachsen zwischen den Gebäuden. Dass dies eventuell nicht geschehe, mache vielen Eckernfördern Angst. Was die Ratsversammlung beschlossen habe, sei auch bindend, sagte der Bürgermeister, der zusätzlich die Festlegung der Firsthöhen forderte. Anja Ketelsen fragte nach der Bedeutung des Meeresspiegelanstiegs für die Gaehtjestraße und forderte, den freien Blick aufs Wasser zu erhalten. Der Meeresspiegelanstieg sei „ein großes Thema, aber nicht für dieses Projekt“, antwortete Planer Petersen. Für ihn sei es „spannender“, sich den Hafen mit „gerichtetem Blick“ zu erschließen, als mit einem Blick ein unsortiertes Areal an der Gaehtjestraße zu erblicken. Peter Richter befürchtet eine „Versyltung“ Eckernfördes durch weitere Ferienwohnungen an der Gaehtjestraße. Der Bürgermeister verwies auf die 80 Mietwohnungen an der Nooröffnung, an der Gaehtjestraße könnten im oberen Geschoss jedoch hochpreisige Eigentumswohnungen entstehen. Wolfram Splittgerber (einer der Initiatoren des Bürgerentscheids) kritisierte, dass die Häuser unter anderem deswegen gebaut würden, um als „Lärmschutzwand“ den Hafen vom Verkehrslärm abzuschirmen. Außerdem würde das Wohnen durch die abendlichen und nächtlichen Kneipengäste gestört. Die Bebauung erfülle auch eine Schallschutzfunktion, verbesserte ihn Petersen, von einer Schallschutzwand habe er nie gesprochen. Im Übrigen lasse sich der Konflikt mit den Kneipenbesuchern „leicht planerisch lösen“. Michael Plettau lobte: „Eine Super-Vorstellung. Ich möchte diese Bebauung sehen.“

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen