St. Nicolai: Schmuckstück und eine ganz besondere Kirche

Die St.-Nicolai-Kirche erstahlt nach der Grundsanierung in neuem Glanz, das Kirchengestühl bleibt vorerst im Lager.
Die St.-Nicolai-Kirche erstahlt nach der Grundsanierung in neuem Glanz, das Kirchengestühl bleibt vorerst im Lager.

Ein Beitrag des Autors und des langjährigen Kirchenwächters und -führers Karl Friedrich Schinkel über die Grundsanierung der St.-Nicolai-Kirche

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18. Januar 2019, 10:11 Uhr

Seit ihrer Entstehung als spätgotische Kirche im Jahre 1530 ist St. Nicolai zum ersten Mal allumfassend runderneuert worden. Es ist nicht nur ein Jahrhundertereignis, sondern auch als Erhaltungsmaßnahme des ältesten und bedeutendsten Bauwerks der Stadt Eckernförde ein Zeichen dafür, dass die abendländische Kultur sich nicht auf dem Rückzug befindet. Die Erneuerung und Wiedereröffnung einer Kirche wie St. Nicolai hat Symbolcharakter. In Gegenwart von rücksichtslosem Gewinn- und Machtstreben sowie dem Verlust von Form und Stil ist es ein Beispiel dafür, dass eine christlich orientierte Wertegemeinschaft noch existent ist.

Mit einem Festgottesdienst wird morgen am 20. Januar St. Nicolai wieder die Pforten öffnen. Fast drei Jahre lang wirkte eine Vielzahl von Fachleuten an der Renovierung des spätgotischen Baus, an einer Arbeit, die ihnen wahrscheinlich in ihrem Berufsleben nur einmal geboten wird. So empfunden, ließ es sie ungeahnte Schwierigkeiten und vorgefundene, schon in vorigen Jahrhunderten begangenen baulichen Pfusch mit einem Lächeln mühelos meistern.


Kostbare Kunstschätze

Was macht St. Nicolai zu einer Besonderheit, was unterscheidet sie von anderen Kirchen im Lande? St. Nicolai galt und gilt als Adelskirche. Bis auf den heutigen Tag ist dieses Flair zu spüren. In Literatur und Broschüren der internationalen Kunstwelt wird St. Nicolai als ein ungewöhnliches Bauwerk dargestellt. Aufmerksam machen die Beschreibungen der zahlreichen kostbaren Kunstschätze mit Hinweis auf das erhalten gebliebene und weiterhin gepflegte Geschichtsbewusstein der Reformation und der Zeit des Barock. Touristen – sogar aus Neuseeland und Kanada – reisen an, um die wertvollen barocken Holzschnitzarbeiten des weithin über die Region bekannten Eckernförder Meisters Hans Gudewerdt zu bewundern. Das weltweit bekannte Rijksmuseum in Amsterdam erbat sich 2018 für eine zeitbegrenzte Ausstellung, die internationale Beachtung fand, die Ausleihe des Ripenau-Epitaphs der St. Nicolai-Kirche. Die von Gudewerdt dem Jüngeren verfeinerte so genannte Ohrmuschel-Holzschnitztechnik des Frühbarock erreichte somit nach exakt 368 Jahren mit diesem Epitaph die kunsthistorisch vergleichbare Würdigung wie andere als Weltkulturerbe anerkannte Kunstschätze.

2015 empfahl ein Gutachten, Giebel und Dachstuhl dringend zu erneuern. Feuchtstellen überall sowie abbröckelnder Wand- und Deckenputz. Dabei blieb es nicht. Alte Bausünden traten zutage. Eine zunächst geplante Renovierung uferte aus zu der Notwendigkeit einer Grundinstandsetzung. Das Kirchenamt, Abteilung Bauwesen, und die Landesdenkmalspflege schätzten die Kosten auf 2 Millionen Euro. Im September 2016 begannen die Arbeiten an dem Gotteshaus. Das gesamte Mauerwerk musste gefestigt werden. Das Dach wurde neu gedeckt und der Dachreiter abgehoben, unten abgesetzt und neu in Kupfer eingeschlagen, danach spektakulär mit einem Kran in über 40 Meter Höhe wieder auf den Dachfirst gesetzt. Gleichzeitig und erstmalig nach dem Einbau 1589 hing die große Glocke am Stahlseil des Krans, herausgehoben aus dem Glockenstuhl, auf einen Lastwagen verladen, nach Holland gebracht, um dort die zerbrochene Aufhängung, die Krone, zu festigen.


Neues Südportal

Außerdem nicht mehr hinauszuzögern war und ist die Trockenlegung der durchfeuchteten Außenmauern. Über einen längeren Zeitraum gestreckt, ist ein tiefer Eingriff in den Erdboden unumgänglich. Das wird den gesamten Kirchplatz verändern. Besondere Beachtung galt dem Südportal, das mit dem Umbau im Eingangsbereich einen barrierefreien Zugang zum Kircheninneren ermöglicht. Beim Abbruch des seit 1913 bestandenen Vorbaus bestätigte sich die Vermutung, auf Reste eines ehemals gotischen Portalbogens gestoßen zu sein. Das darüber angebrachte Fenster wurde ebenfalls im Unterbereich eingerissen und damals der bisher bekannte stilfremde Windfang davorgesetzt.

Der als geglückt zu bezeichnende Rückbau des Südportals lässt die vor 100 Jahren begangene Bausünde vergessen.

Gestern begutachteten die Mitglieder der Kirchengemeinde, aber auch interessierte Eckernförder den Stand der Renovierung. Besondere Beachtung fand die Einbeziehung von Elementen der Informations- und Beleuchtungstechnik. Letzteres verleiht der Räumlichkeit eine zuvor nie festgestellte Höhe und Breite und das verstärkt, weil die Kirchenbänke noch nicht aufgestellt waren. Man bewegte sich in einer Wandelhalle. Zur Diskussion gestellt wurde die Frage, ob moderne Stühle Einzug in die Kirche halten oder ob Kirchenbesucher wieder in den seit Jahrhunderten in Kirchen üblichen Sitzmöbeln in zum Altar ausgerichteten Bänken Platz nehmen sollen. Dabei fiel auf, dass Kirchenbesucher, die nur gelegentlich St. Nicolai betreten, eine bequeme Kino-Bestuhlung wünschten, während die kleine Schar der häufig an den sonntäglichen Gottesdiensten teilnehmenden Gemeindemitglieder sich wohler fühlen würde in den traditionellen, dem historisch geprägten Ambiente angepassten Bankreihen, die seit der Renovierung 1984 mit breiteren Sitzflächen und seitlich beschützend wirkend mit den Wangen der Vorgängerbestuhlung bestückt worden sind.

Mit viel Liebe zum Detail ist St. Nicolai als sakraler Bau für weitere Jahrhunderte renoviert und instandgesetzt worden, während für das Innere kirchenuntypische, nüchterne Stuhlreihen angedacht sind, die in ihrer Profanität dem Charakter eines spätgotischen Gotteshauses widersprechen. Die Freude über diesen Teil der Renovierung ist in der Öffentlichkeit unterschiedlich ausgeprägt. Die Bestuhlung erregt die Gemüter. Die einen folgen dem flüchtigen Zeitgeist und verwerfen das bewährt Althergebrachte. Andere verstehen nicht, warum ohne Not ein über Jahrhunderte gewachsenenes kirchliches Ambiente der weltlichen Atmosphäre eines Sitzungssaales angepasst werden muss. Kompromissbereitschaft scheint angesagt zu sein!


Euphorie berechtigt

Die Erneuerung von St. Nicolai ermuntert, Vorheriges nicht unbedacht zu übernehmen, sondern das Wagnis einzugehen, mit neuen Ideen das Kirchenleben zu verändern, zu aktualisieren. Wie die Bestuhlung erfolgen soll, dürfte eine Sache des Geschmacks oder auch der Gewohnheit sein. Seit Jahrhunderten haben sich in den Kirchen die Sitzmöbel gewandelt. Zu frühchristlicher Zeit standen die Gläubigen während der Andacht, später saßen die Adligen in hochwandigen Sitzkästen und zu ihren Füßen kauerte das Gesinde. Als die Predigten länger und länger dauerten, erfanden die Gläubigen die Sitzbank.

Heute geht die Tendenz zum Einzelstuhl. Die Sitzmöglichkeit in einer Kirche hat keinen liturgischen Bezug und ist nicht von theologischer Bedeutung, im Vordergrund steht in einem Gotteshaus die Verkündung des Glaubens. Findet indes in derselben Räumlichkeit eine weltliche Veranstaltung statt, bleibt zwar der ursprüngliche Respekt bestehen, aber es führt, so empfunden, zu einer zeitbegrenzten Loslösung vom Kirchlichen.

Mit veränderbaren Stuhlreihen ist dieser Wechsel zu erreichen, nicht aber mit unbeweglichen Kirchenbänken. Stühle je nach Erfordernis des „Events“ variabel aufstellen zu können, mag manche Gemeinden überzeugt haben. Sie trennten sich von dem herkömmlichen Sitzinventar und statteten den Kirchenraum mit Stühlen aus. Im kirchlichen Alltag jedoch erwies sich die Notwendigkeit häufiger Ummöbelierungen als gering. Außerdem war das Umstellen sehr zeit- und arbeitsaufwändig, so dass die Stühle letztlich in durchnummerierten Reihen auf den Altar ausgerichtet an die verlorenen Bankreihen erinnern. Wie im Kino oder Theater ermöglichen bei Konzerten oder ähnlichen Veranstaltungen dicht gestellte Stuhlreihen höhere Einnahmen. Insbesondere die gut besuchten Orgelkonzerte und Chor-Darbietungen, geleitet von der musikalisch hervorragenden Musikdirektorin Katja Kanowski, garantieren der St. Nicolai unvergleichlich höhere Einnahmen als die sonntägliche Kollekte der wenigen Gottesdienstbesucher. Stühle würden mehr Gewinn bringen als Kirchenbänke!

Die Euphorie über die gelungene Instandsetzung ist mehr als berechtigt. Großes Lob verdienen der Bauherr Pastor Dirk Homrighausen und sein unermüdliches Team. Die zeitgemäße Grundsanierung, die Restaurierung und Renovierung von St. Nicolai sind eine organisatorische und handwerkliche Meisterleistung, die über die Diskussion „Bestuhlung“ erhaben ist.

Wenn letztlich der entscheidende Kirchengemeinderat zu diesem nachzuordneten Thema als Lösung zur Zufriedenheit aller ein Mixtum anbietet, ließe sich sowohl auf Bänken als auch Stühlen die glaubensbeharrende Bedeutung des Gotteshauses sowohl als Oase der Besinnung und des Gebets erleben als auch als Oase des weltlichen Frohsinns.


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