Spurensuche bringt enormes Ergebnis

Ein Formziegel wie er im Chor verbaut wurde und ein Sargbeschlag sind zwei der Funde, die Donat Wehner und seine Frau Katja Grüneberg-Wehner am Sonnabend beim Vortrag zeigen werden.
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Ein Formziegel wie er im Chor verbaut wurde und ein Sargbeschlag sind zwei der Funde, die Donat Wehner und seine Frau Katja Grüneberg-Wehner am Sonnabend beim Vortrag zeigen werden.

Grabung in Jellenbek bringt neue Erkenntnisse zu Siedlungsgeschichte und Konfessionswechsel / Vortrag am Sonnabend in Krusendorf

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27. März 2014, 06:00 Uhr

Die Besiedlung des Dänischen Wohlds beginnt erheblich früher im Mittelalter, als bislang angenommen. Das ist nur eine der spannenden Entdeckungen, die durch die archäologischen Grabungen an der Steilküste zwischen Jellenbek und Surendorf ans Licht gekommen sind. Welche Erkenntnisse Dr. Donat Wehner vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel und seine Studenten noch beim Freilegen der Pfarrkirche St. Catharinen, die dort bis 1737 über der Küste thronte, gewonnen haben, wird Inhalt seines Vortrags am Sonnabend in Krusendorf sein.

Dass Donat Wehner bei einem Spaziergang mit seiner Frau Katja über die einst von Pastor Reinhard Richter aufgestellte Gedenktafel, die an das wegen Baufälligkeit abgetragene Gotteshaus erinnert, stolperte, stellt sich vier Jahre später als Segen heraus. „Wir haben beim Archäologischen Landesamt nachgefragt, ob man nicht tätig werden könnte und müsste wegen der Abbruchkante und damit offene Türen eingerannt“, erinnert sich der wissenschaftliche Assistent des Lehrstuhls für Ur- und Frühgeschichte. Drei Mal rückte er mit seinen Studenten in Jellenbek an, um nach den Resten der Kirche zu suchen. Heute kann er sagen: „St. Catharinen ist die einzig vollständig ausgegrabene Pfarrkirche in Schleswig-Holstein und überhaupt eine der wenigen vollständig ausgegrabenen Kirchen im ländlichen Raum.“ Interessant dabei sei, dass das Gotteshaus frei auf einem Plateau außerhalb des Dorfes stand und alle Funde direkt im Zusammenhang mit der Kirche stehen, macht Wehner weiter deutlich.

Zum einen gab es Funde, die Rückschluss auf den Bau an sich gaben. Der hatte seinen Ursprung in einer Stabkirche – die Holzkonstruktion wurde später durch den steinernen Bau ergänzt. Zwei der insgesamt 98 entdeckten Gräber deuten darauf hin. In ihnen sei nicht wie in allen anderen Ziegelbruch oder Mörtel gefunden worden, erklärt Wehner. Das sei zudem ein Hinweis, dass dieser Teil des Isarnhos, des eisernen Waldes, bereits vor 1260 besiedelt wurde – erheblich früher als bislang angenommen, macht der Wissenschaftler deutlich. Freigelegte Windeisen der Fenster, Formziegel im Bereich des Chors, Dachziegel der Lübecker St.-Petri-Ziegelei und lokal produzierter Ziegelsteine ermöglichten es den Forschern, ein Bild von der gotischen Kirche zu zeichnen. „Einige Steine wiesen das Trittsiegel von Hunden und Katzen, aber auch von Wildgetier aus. Sie wurden zur Dämonenabwehr sichtbar verbaut, auch an prominenter Stelle“, berichtet Katja Grüneberg-Wehner. Für den Altar, das Taufbecken und die Kanzel konnten verschiedene Standorte ausgemacht werden, die den Wechsel der Konfessions-Praktiken im Zuge der Reformation dokumentieren.

Neben der zum Taufbecken gehörenden Beckenschlägerschale, Kelchen und einer Buchschließe, die sich auf die Zeit zwischen 1470 bis 1490 datieren ließ und mit einer Breite von sieben Zentimetern Teil eines besonderen Werks gewesen sein muss, stießen die Studenten auf Werkzeuge wie Löffelbohrer, Stech- und Stemmeisen, aber auch Teile von Kleidungsstücken. Knöpfe aus Proterobas, einem aus Stein geschmolzenen schwarzen Glas aus dem Fichtelgebirge, landeten Schnallen, Stecknadeln und Nestelhülsen in großer Zahl in den Sieben der Archäologen. Auch ein Bartkamm und Pfeifenreste gehören zu den Funden. In der Kirche zu rauchen ist heute undenkbar. Früher jedoch sei die Kirche nicht nur Ort der Besinnung gewesen, gibt Wehner zu bedenken.

Interessant waren für ihn auch die Erkenntnisse über Bestattungen im ländlichen Raum, die die Grabungen lieferten. So waren die Beigesetzten fast ausschließlich in Särge gebettet. Das sei bis in 19. Jahrhundert hinein eigentlich selten gewesen, kosteten Särge doch viel Geld, sagt Wehner. Überlicherweise wurden die Toten in Leichentücher gewickelt. Die Tiefe der Gräber lag bei gerade mal 30 Zentimetern. Wehner: „Es muss furchtbar gestunken haben.“ Die Hände der an der St.-Catharinen-Kirche Bestatteten waren in Gebetshaltung gefaltet, ihr Blick fiel nach Osten – in Erwartung des himmlischen Jerusalem, erklärt der Wissenschaftler. Rätsel gibt ihm das Skelett eines Mannes auf, dessen Füße durchnagelt waren. Bei einem andere waren die Beine über Kreuz gelagert. Aufschluss verspricht sich Wehner von den anthropologischen Untersuchungen, die noch andauern.

Mehrere der 30 beteiligten Studierenden haben ihre Abschlussarbeiten über die Ausgrabungen verfasst. Wehner und seine Frau planen eine Monografie, die in zwei Jahren fertig sein soll. Im Sommer wollen sie die Spurensuche in der Dreifaltigkeitskirche fortsetzen und überprüfen, ob dort Material der abgetragenen Vorgängerkirche verbaut wurde. Darüber hinaus haben sie die Untersuchung der DNA im Blick. Erste Tests seien abgeschlossen, die Ausgangsbedingungen sehr gut, teilt Wehner mit. „Selbst bei den Kindern ist die DNA ausgezeichnet erhalten.“ In Abgleich mit den Kirchenbüchern ließe sich herausfinden, wer an der Steilküste beigesetzt wurde. Kritischer Punkt sind allerdings die hohen Kosten der Untersuchung.

> Der Vortrag beginnt um 18 Uhr in Mißfeldts Gasthof.

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