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Eckernförder tafel : Spannungen an der Eingangstür

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Von 400 Bedarfsgemeinschaften der Tafel sind mittlerweile 160 Flüchtlingsgemeinschaften. Ehrenamtliche Mitarbeiter stellen eine Änderung im Benehmen der Asylbewerber fest.

Donnerstag ist Tafeltag – Menschen, deren Einkommen manchmal selbst nicht für das Nötigste reicht, warten donnerstags geduldig vor dem Gebäude der Eckernförder Tafel auf den Aufruf ihrer Nummer. Erst wenn Ingrid Berg (74), eine von 68 ehrenamtlichen Mitarbeitern der Tafel, ihre Nummer gelesen und ihren Ausweis kontrolliert hat, der sie für die Inanspruchnahme der Tafel berechtigt, dürfen die Besucher den Raum betreten, in dem die Lebensmittel ausgegeben werden. Auch an diesem Donnerstag warten wieder viele bei eisigen Temperaturen vor dem Haus oder im warmen Warteraum des benachbarten Familienzentrums. Unter ihnen sind etliche Flüchtlinge, die nicht verstehen, dass sie nicht sofort eingelassen werden. So auch der junge Syrer, der an diesem Vormittag versucht, durch die Hintertür ins Gebäude zu gelangen. „Der wollte sich vordrängeln“, berichtet Jens-Uwe Nissen (76), „den habe ich vorne wieder hinauskomplementiert.“ Vorkommen dieser Art häufen sich bei der Tafel in letzter Zeit. „Das Niveau hat sich verschoben“, sagt der Leiter der Eckernförder Tafel, Manfred Schmidt, „wir müssen aufpassen, dass es keine sozialen Spannungen vor der Tür gibt.“

400 Bedarfsgemeinschaften sind bei der Tafel in Eckernförde registriert, davon sind 160 Flüchtlingsgemeinschaften. Die Zahl sei seit Anfang 2015 stark angestiegen, erklärt Schmidt. Habe es anfangs keine Schwierigkeiten bei der Lebensmittelausgabe an die Asylbewerber gegeben, verhalte sich das mittlerweile anders. Teilweise fühlten sich seine ehrenamtlichen Mitarbeiter von den Flüchtlingen über den Tisch gezogen, so der Leiter. Da würden manchmal angebliche Kumpels genannt, die bereits im Haus sein sollten, um schneller zur Lebensmittelausgabe zu gelangen. Junge Frauen benutzten den Ausspruch „Ich Baby“ teilweise als Türöffner, um nicht warten zu müssen. Ein angeblich dringender Termin beim Arzt werde auch häufig als Grund genannt, um nicht anstehen zu müssen. Manchmal, wenn viele Flüchtlinge auf einmal ins Haus wollen, fühle sie sich schon angegriffen, gibt Ingrid Berg zu. Ein Zustand, der nicht hingenommen werden soll, so der Leiter der Tafel. Jeder, der die Tafel in Anspruch nimmt, werde gleichbehandelt, versichert Manfred Schmidt, jeder müsse die Regeln beachten – ohne Ausnahme.

Durch die hohe Zahl der Bedarfsgemeinschaften und die Vielzahl der Lebensmittel, die abgeholt, kontrolliert, fachgerecht eingelagert und ausgegeben werden, hat sich die Eckernförder Tafel inzwischen zu einem Unternehmen entwickelt, das ohne Logistik nicht mehr auskommt – mit dem Unterschied, dass alle Mitarbeiter ehrenamtlich tätig sind und dass keine Gewinne erzielt werden. „Wir sind kein Kaufhaus“, betont Schmidt, „alles was bei uns auf dem Tisch steht, ist gespendet.“

Einer der Flüchtlinge, die sich Lebensmittel von der Tafel holen, ist Mulugeta Debesay aus Eritrea. Der 25-Jährige wurde als Jugendlicher für die Armee verpflichtet und hat keine Ausbildung. Am Gemüsestand wird Mulugeta von Karin Kliefoth begrüßt. Die 73-Jährige bietet ihm Kartoffeln an. Er entscheidet sich für Möhren. Begleitet wird der junge Mann von Wiebke Alilovic. Die Eckernförderin kümmert sich privat um Mulugeta und sieben weitere Jungs aus Eritrea.

Aber nicht alle Flüchtlinge haben dieses Glück. Sie haben Schwierigkeiten, geltende Regeln und Lebensweisen zu verstehen. Um dieses zu ändern, arbeitet seit kurzem ein Syrer bei der Tafel, der seinen arabischen Landsleuten die Verhaltensregeln erläutert. Das sei ein großer Gewinn, berichtet Schmidt. Der neue Mitarbeiter erkläre auch die hiesigen Lebensmittel, da den Neubürgern einige fremd seien. Auch die Frage, in welchem Lebensmittel Schweinefleisch enthalten ist, müsse stets beantwortet werden können, so der Leiter.

Für Renate Masuhr ist das kein Problem. Seit 15 Jahren arbeitet sie ehrenamtlich bei der Tafel – auch heute geht die 76-Jährige erst nach sieben Stunden Arbeit wieder nach Hause. Sie gibt zum Beispiel Zucker, Haferflocken, Eier oder Salz aus. Verständigungsschwierigkeiten sind für die Rentnerin kein Problem. „Ich habe für alle Fälle ein kleines Wörterbuch Deutsch – Arabisch dabei“, verrät Renate Masuhr. Trotz der gestiegenen Zahl der Bedarfsgemeinschaften soll es bei der Eckernförder Tafel keinen Aufnahmestopp geben, sagt Schmidt. „Jeder kriegt bei uns Lebensmittel, keiner wird abgewiesen.“ Dann bekomme jeder eben etwas weniger.

>Tafel-Paten gesucht: Bürger haben die Idee der Patenschaft entwickelt, um den Versorgungsstandard der Tafel angesichts der zunehmenden Zahl der Nutzer zu gewährleisten. Infos: Familienzentrum: mail@familienzentrum-eckernfoerde oder bei Jürgen Bauer, Tel. 04351/3540.

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