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Aktion Sühnezeichen : „Sorgt dafür, dass es keinen Krieg mehr gibt“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ez-Jugendredakteurin Anne Meerpohl arbeitet für Aktion Sühnezeichen im Amsterdamer Widerstandsmuseum

Seit zwei Monaten bin ich nun schon in Amsterdam – Wat gaat de tijd toch snel! Das geht wahrscheinlich jedem so, der einen Freiwilligendienst im Ausland macht. Die neuen Eindrücke, viele neue Menschen, eine völlig neue Umgebung und die Umstellung der Sprache nehmen beinahe den kompletten Raum in meinem Kopf ein. Mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) bin ich hier gelandet. Dabei handelt es sich um eine Organisation, die sich um Verständigung zwischen Kulturen, Völkern und Religionen bemüht. Sie wurde 1958 gegründet und setzt sich vor allem in Ländern ein, die besonders von dem Terror des Nationalsozialismus betroffen waren. Die Folgen davon sind auch heute noch spürbar. Die Menschen, die die diese Thematik mit einem „Das ist doch schon hundert Jahre her, lass es gut sein“ abschütteln, möchte ich in dem folgenden kleinen Bericht von meiner Wahrnehmung der dringlichen Aktualität erzählen.

Ich arbeite im Widerstandsmuseum in Amsterdam im pädagogischen Bereich. Es werden hier viele verschiedene Bildungsprogramme angeboten und im Moment bin ich dabei zu lernen, diese selbst durchzuführen. Und möglichst bald auf Niederländisch. Ab und an sitze ich auch am Informationstresen, helfe dort, wo ich kann und lerne sehr viel über die Besatzung von Nazi-Deutschland in den Niederlanden. Über die Atmosphäre, das tägliche Leben, die Dilemmas, Fragen und Entscheidungen mit denen die Menschen sich hier auseinandersetzen mussten.

Kürzlich kam eine Frau aus der Ausstellung zu mir und erzählte mir mit feuchten Augen, dass sie ihre Großeltern endlich gefunden habe. Und zwar auf einem Foto, welches eine große jüdische Familie zeigt, die nach Auschwitz deportiert wurde. Nur diese zwei Menschen auf dem Bild haben überlebt. Eine Mitfreiwillige arbeitet in einem jüdischen Altenheim in Amsterdam. Sie ist jeden Tag ganz direkt mit den Folgen des Holocausts konfrontiert. Zum Beispiel hat sie mir von der sehr ergreifenden Situation berichtet, als eine ältere Dame ihren Ärmel hochgezogen hat und die tätowierte Nummer aus Auschwitz zum Vorschein kam. Ich selbst habe eine Niederländerin kennengelernt, die eine sehr beeindruckende Lebensgeschichte erzählte. Sie war als Jüdin im Widerstand aktiv, hat illegale Zeitungen verteilt und musste letztendlich untertauchen. 1941 verlor sie ihre bis heute einzige große Liebe an die Nazis. Und das alles erzählt sie einer Gruppe junger Deutsche. Was gibt es da noch zu zweifeln an der Wichtigkeit der Kommunikation zwischen verschiedenen Generationen und Kulturen?

„Geschichte gemeinsam erleben“ – ein Leitfaden von ASF, den ich nun in seiner authentischsten Form kennenlernen darf. Diese Erfahrung machte ich schon diesen Sommer bei einer Gedenkstättenfahrt nach Lublin in Polen, die als Vorbereitung für den Friedensdienst dienen sollte. Dort haben wir mit einer kleinen Gruppe ASF-Freiwilliger eine Woche lang das ehemalige Konzentrationslager Majdanek besucht. Die Erlebnisse und bewegenden Eindrücke sind hier mit Worten nicht zu beschreiben. Wir haben uns mit einem ehemaligen Inhaftierten getroffen. Der ältere Mann erzählte uns seine Geschichte, wie er durch unglückliche Zufälle ins Lager gekommen ist und wieder von dort hinaus. Auch er findet es wichtig, diese Dinge mit jungen Menschen zu teilen. „Sorgt dafür, dass es keinen Krieg mehr gibt“. Diese Worte gab er uns mit auf den Weg und ich werde sie wahrscheinlich nicht mehr vergessen und auch das Gefühl, wie wichtig dieser Satz für alle Menschen meiner Generation und der darauf Folgenden ist.

Mein Alltag in Amsterdam ist vom Fahrradfahren geprägt, von meiner zehnköpfigen WG und meinen wundervollen Mitfreiwilligen. So kann man am eigenen Leib die kleinen und großen, die aufgrund von Vorurteilen vorausgesetzten und unerwarteten Gemeinsamkeiten und Unterschiede erfahren. Von der mir unverständlichen Ablehnung meiner ein und zwei Cent Münzen an der Supermarktkasse, zum luftig-leichten Brot bis zur ganz klaren Direktheit fächern sich kleine Umstellung auf.

Die Stadt bietet unzählige schöne Momente, aber auch noch so viel zu entdecken. Sie birgt unerwartete Überraschungen, wie ein plötzliches Zusammenstoßen mit meinem ehemaligen Erdkundelehrer oder eine Museumsnacht an der Seite eines niederländischen Fernsehkochs.

Wenn mir entlang der Grachten und der alten Häuser eine altbekannte Brise die Haare zerwuselt, denke ich an meine Stadt an der Ostsee.

Bisher habe ich in den zwei Monaten unglaublich viel gelernt, ich wurde bereichert und inspiriert.



>ch möchte ASF unterstützen oder Patin/ Pate von Anne werden: https://www.asf-ev.de/de/spenden/freiwilligen-patenschaften.html
Mehr Informationen unter www.asf-ev.de. Über das Widerstandsmuseum: www.verzetsmuseum.org





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