So fühlt sich der Sommer an

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Wie eine Fahrt ins 20 Kilometer entfernte Eckernförde das Weltbild veränderte

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22. Juli 2015, 06:17 Uhr

Eckernförde | Sie bleiben ein Leben lang im Gedächtnis haften. Eindrücke wie diese. Die Älteren erinnern sich an die heißen Sommer der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Die Wärme erschien vielen als eine Wiedergutmachung für die bitteren Frostwinter zuvor. Das Leben zeigte seine schönen sommerlichen Seiten, trotz kümmerlicher Lebensumstände und an Urlaub dachte gar niemand.

Die Turbulenzen des Krieges wirkten nach. Der Friede, jene Zeit ohne Sirenengeheul und Bomben, entschädigte für vieles. Man lebte mehr oder minder zufrieden in seinem überschaubaren Umfeld. Man hatte schließlich überlebt. Und das war nicht wenig.

Die Kargheit der Lebensumstände störte uns Kinder wenig. Es blieb jedoch die Neugier, wie es in der weiteren, ferneren Umgebung aussah. Unsere Erkundungen darüber reichten nur soweit, wie unsere kleinen Füße uns trugen. Verständlich, dass die Ansage unseres Lehrers, wir würden mit der Klasse eine Radtour in die ferne Kreisstadt Eckernförde an das uns allen unbekannte Meer unternehmen, wirkte, als hätte ein jeder von uns ein großes Paket aus dem fernen, reichen Amerika erhalten, damals mehr wert als eine Luxuskreuzfahrt heute.

Unsere Räder, aus Resten zusammengebaute halbwegs fahrbereite Gebilde, ließen uns auf der langen Tour nicht im Stich. Innige Bitten müssen sie zusammengehalten haben. Mit offenen Sinnen genoss ich die Fahrt. Wie ein trockener Schwamm saugte ich alle neuen Eindrücke auf. Ich spüre noch heute den Duft vieler Kräuter im Fahrtwind, schaue auf die hellen Sonnenkringel auf dem bleichen Sand der schattigen Feldwege. Ich sehe die Eckernförder Chaussee vor mir, mit zahllosen Flicken übersät und zu den Rändern in weiche, klebrige Teernasen auslaufend.

Der Asphalt warf die Sonnenhitze unbarmherzig zurück, trocknete die Kehle aus. An Pausen erinnere ich mich nicht. Die über 20 Kilometer lange Strecke bis nach Eckernförde mit vielen Steigungen ließ bei uns kleinen, an das Herumtollen in der Feldmark gewöhnten Knirpsen keine Erschöpfung aufkommen. Die neuen Eindrücke setzten Energien frei.

Aus dem Schatten des Altenhofer Waldes kommend, lag der blendend weiße Strand vor uns, dahinter das tiefblaue Wasser der Ostsee und darüber der hohe Himmel. Das Staunen ließ alle verstummen: Der Himmel reicht bis an das Wasser, unglaublich. Mein Weltbild formte sich neu. Ich lernte später die Weite des Atlantiks kennen, aber das alles war und blieb bis heute blass gegen den Anblick der Eckernförder Bucht damals, der Inbegriff des unendlichen Meeres.

Dazu gehörte der weite Bogen des Sandstrandes bis zur Steilküste - nur kurz von den Kriegstrümmern der TVA störend unterbrochen. Die Stadt blinkte mit ihren hohen Schornsteinen und niedrigen in der Sonne glitzernden Hausdächern herüber. Nur ein Teil dieses Bildes genügt heute, in mir ein Gefühlsprogramm zu starten mit allen Geräuschen, Düften von damals, mit dem Gefühl des warmen Sandes unter den bloßen Fußsohlen, mit der Sonnenwärme im Nacken und der erfrischenden Kühle des glasklaren Seewassers. So fühlt sich für mich auch heute noch der Sommer an.

Eindrücke, die bleiben.


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