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Eckernförder Zeitung

23. Oktober 2017 | 01:18 Uhr

Interview : Singen wird weit unterschätzt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Konzert zum zehnjährigen Bestehen des Collegium Vocale Dänischer Wohld am Sonnabend in Gettorf

Sein Herz schlägt für Chormusik aus mehreren Jahrhunderten. Man traut sich an heitere Titel, Madrigale, anspruchsvolle Volksliedbearbeitungen unterschiedlicher Nationen, Klassisches, Romantisches, Werke von Telemann, Bach und Händel bis hin zu modernem Liedgut. Das kommt an beim Publikum. In diesem Jahr feiert der Chor Collegium Vocale Dänischer Wohld unter der Leitung seines Gründers, des pensionierten Lehrers Dr. Michael Pezenburg aus Osdorf, sein zehnjähriges Bestehen. Aus diesem Anlass lädt der Chor am Sonnabend, 17. Mai um 19 Uhr in die St. Jürgen-Kirche zum Jubiläumskonzert. Der Eintritt ist frei. Um Spenden wird gebeten.

Herr Dr. Pezenburg, der Chor Collegium Vocale ist 2004 aus Anlass zweier kirchlicher Konzerte als Kammerchor unter Ihrer Leitung entstanden. Nach anfänglich zehn gehören ihm heute rund 30 Sängerinnen und Sängerinnen aus dem Dänischen Wohld, Kiel, Eckernförde, Schleswig, Owschlag und Rendsburg an. Hätten Sie das damals gedacht?
Eigentlich nicht. Dass wir so schöne Konzerte auch in Kiel und ganz in Schleswig-Holstein, in Grömitz, Schleswig oder Glücksstadt geben können, mit so großer Publikumsresonanz, das ist schon toll. Und dass unsere Konzertheimat die St. Jürgen-Kirche sein darf, die Gemeinde Gettorf uns für die Proben die Mühle überlässt und die Gettorfer Liedertafel das Klavier, dafür sind wir sehr dankbar.
Ihr Collegium Vocale hat den Ruf als einer, wenn nicht der qualitativ beste Chor in der Region. Worauf führen Sie diesen Erfolg zurück?
Wir sind ja ein reiner Laienchor, die Sänger haben in der Regel keine Gesangsausbildung und die meisten sind auch keine Vom-Blatt-Sänger. Trotzdem versuchen wir, ein musikalisch und stimmlich möglichst hohes Niveau zu erreichen, was natürlich auch meiner professionellen Provenienz geschuldet ist. Da wird schon viel Wert auf differenzierte Interpretation und guten Chorklang gelegt. Wir wollen mit unserer Musik auch inhaltlich überzeugen, wenn wir Mozart, Mendelssohn oder Brahms singen. Wenn die Leute nach unserem Konzert aus der Kirche gehen mit Tränen in den Augen, dann haben wir doch etwas erreicht.
Sie sind Musik- und Gesangspädagoge, Diplom-Sprechwissenschaftler, Logopäde und arbeiten als Stimmtherapeut. Ist das ein Fluch oder ein Segen für den Chor?
Ein Segen insofern, wenn die Leute nach einem Konzert sagen, sie hätten jedes Wort verstanden, die Interpretation folge den Texten und der Klang sei schön gewesen. Das ist ein großes Kompliment für den Chor. Manche Chorsänger sagen aber auch, ich höre viel zu gut. (lacht)
Was bereitet Ihnen bei der Arbeit mit dem Chor besondere Freude?
Ich lege sehr viel Wert auf die Programmgestaltung. Da habe ich in meinem Studium in Weimar sehr gute Lehrer gehabt. Dem Programm muss ein Spannungsbogen zugrunde liegen mit Höhepunkten. Unser Repertoire umfasst Chormusik aus mehreren Jahrhunderten, denn wir wollen den Leuten vielseitiges und anspruchsvolles Kulturgut aus mehreren Jahrhunderten bieten. Und auch Volkslieder verschiedener Nationen kann man so oder so singen. Es kommt immer auf eine qualitativ hochstehende und ausdrucksvolle Interpretation an.
Wo wollen Sie noch hin mit dem Chor?
Wir bleiben in dem Rahmen, der uns gesteckt ist. Ich glaube nicht, dass wir etwa eine Konzertreise nach Afrika machen können. Unsere Chormitglieder sind alle familiär sehr gebunden. Wir haben eine schöne, lockere Atmosphäre. Junge Leute in den 20ern, die ältesten sind über 70. Und wir sind kein Verein. Wir finanzieren uns nur über Spenden zu Konzerten. Dennoch wäre eine strenge Ordnung auch von Vorteil. Es ist eine Gratwanderung, einerseits Pünktlichkeit, Engagement und private Opfer zu fordern für den Chor und andererseits eine lockere Atmosphäre zu bewahren. Aber zu einem guten Konzert braucht es Disziplin. Wir proben zwei Mal im Monat, vor Konzerten öfter. Wir bleiben ein Laienchor, es ist und bleibt Hobby für die Mitglieder. Man darf nicht mehr machen wollen, als was man auch wirklich beherrschen kann.
Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die zehn Jahre Chor zurück?
Die Zeit ist viel zu schnell vergangen. Zwei Mal haben wir eigens zu meinen Geburtstagen ein Konzert veranstaltet. Das waren schöne Geburtstagsfeiern. Und wenn wir unsere Weihnachtskonzerte geben in Gettorf, ist eine Stunde vor dem Konzert die Kirche voll, die Leute stehen hinten. Das ist doch toll. Es ist nicht wichtig in hohen Sphären in den Tempeln der Kunst zu singen. Da bin ich zurückhaltend. Sicher gehe ich auch mal zu Hause weg und habe eigentlich keine Lust. Aber wenn ich dann sehe, wie die Leute mitmachen und sich von mir malträtieren lassen, da wundere ich mich manchmal. Wir haben Mitglieder aus den verschiedensten Berufen, Lehrer, Psychologe, Arzt, Handwerker, Techniker, Ingenieur, Heilpraktiker, Krankenschwester, Kaufmann und Jurist. Das sind alles qualifizierte und gestandene Leute, aber die müssen sich ganz schön schulmeistern lassen. Ich werde auch mal ungeduldig, wenn etwas nicht klappt. Das ist wohl auch blanke Diktatur. (lacht)

Sie sagten uns einmal in einem früheren Interview, singen ist für Körper und Seele gesund. Sollten wir alle singen?
Ja, unbedingt. Singen wird weit unterschätzt. Zwei Stunden Singen bewirkt genau wie im Sport, dass die Lunge besser durchlüftet und der Herzbeutel durch die Zwerchfellatmung, die man in einem guten Chor lernt, massiert und stärker durchblutet wird. Neuere medizinische Untersuchungen bestätigen sogar, dass regelmäßiges Singen das Immunsystem in einem bislang nicht vermuteten Maß positiv beeinflusst. Gemeinsames Singen stärkt die soziale Kommunikationsfähigkeit, ist bei der Entwicklung einer emotionalen Intelligenz beteiligt, wirkt gegen Vereinsamung und seelische Dunkelheit, macht Freude und Freunde.
Auf was dürfen wir uns freuen zum Jubiläumskonzert?
Auf eine Replik von zehn Jahren, Chormusik durch die Jahrhunderte. Darunter unsere ersten Lieder überhaupt, eine Motette von Michael Haydn „Tenebrae factae sunt“ und das „Ave verum“ von Mozart, dann ein Block internationaler Volkslieder aus Schweden, Afrika und Frankreich, einige deutsche Volkslieder, Chorlieder von Johannes Brahms, die wir gerne singen, und mit „Autumn Leaves“ auch ein für uns neues, recht anspruchsvolles moderneres Stück.



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