Spinner in Gettorf : Sie spinnen für ihr Leben gern

Rund 80 Spinn-Begeisterte waren am Sonntag im Gettorfer Gemeindehaus, um gemeinsam ihr Hobby auszupben.
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Rund 80 Spinn-Begeisterte waren am Sonntag im Gettorfer Gemeindehaus, um gemeinsam ihr Hobby auszupben.

11. Nordspinnertreffen im Gettorfer Gemeindehaus / Rund 80 Liebhaber der alten Handwerkstradition nehmen teil

shz.de von
16. Januar 2018, 06:15 Uhr

Das alte blaue Spinnrad, an dem Birgit Sedl (52) sitzt und spinnt, ziert die Jahreszahl 1918. Ursprünglich stammt es aus Schweden. Über ebay hat die Rostockerin das seltene alte Teil erworben. Der Vorbesitzer hat es direkt aus Schweden gekauft. Birgit Sedl hat es restaurieren und passende Spulen dazu anfertigen lassen. Sie will unbedingt noch herausfinden, aus welcher schwedischen Werkstatt genau ihr Spinnrad kommt. Da sie mit ihrem Mann Jörg (58) häufig im Urlaub in die skandinavischen Länder reist, ist sie optimistisch, dass sie eines Tages das Geheimnis ihres Spinnrades lüften kann. Ihr Mann arbeitet an einem Spinnrad aus einer Brandenburger Werkstatt, das seit inzwischen 35 Jahren genauso gebaut wird wie heute. „In dem Spinnrad sind Funktionalität und Drechselkunst zur Perfektion gekommen“, schwärmt er.

Birgit und Jörg Sedl gehörten zu den wenigen spinnenden Ehepaaren beim Nordspinnertag am Sonntag in Gettorf. Denn meist ist Spinnen immer noch ausschließlich Frauensache. Insgesamt waren etwa 80 Spinner aus ganz Norddeutschland zu dem jährlich stattfindenden Treffen ins Gettorfer Gemeindehaus gekommen, so viele wie noch nie. Organisiert wird das jährliche Treffen von Benita Davidoff (66) aus Lindau, in diesem Jahr zum elften Mal. Ganze Spinnkreise waren ebenso angereist wie einzelne Spinnerinnen. Jeder hatte sein eigenes Spinnrad und eigene Wolle dabei.

Birgit Sedl war schon als Kind fasziniert von dieser Handwerkskunst, aber irgendwie fehlte immer die Gelegenheit oder das Spinnrad oder beides. Als die Kinder dann aus dem Haus waren, erfüllte sie sich ihren alten Traum und steckte bald schon ihren Mann mit der Begeisterung für ihr neues Hobby an. Spinnen ist für die Vermessungsingenieurin ein guter Ausgleich zur tagtäglichen Büroarbeit. „Das hat etwas Meditatives und es macht auch viel Spaß.“ Und noch etwas ist ihr wichtig: „Wer selbst ein Kleidungsstück herstellt und weiß, wie viel Mühe das macht, geht auch mit anderen Dingen sorgsamer um“.

Petra Holstetter (61) organisiert seit rund sieben Jahren im Dörphus Felm einen Spinnkreis, zu dem regelmäßig 20 bis 30 Spinner kommen. Bevor die Wolle gesponnen werden kann, wird sie gewaschen, kardiert (gekämmt) und meist auch gefärbt. Ist die Wolle erst gesponnen, wird sie weiterverarbeitet, meist zu Kleidungsstücken verstrickt, aber auch am Handwebrahmen weiterverarbeitet zu Schals oder Kissen. Inken Jensen-Klose aus Haale verzichtet auch schon einmal aufs Spinnen und filzt mit ihrer Wolle. Seit letztem Herbst stellt sie vor allem Handpuppen aus Filz her. „Die Kinder fahren total darauf ab.“ Jede Handpuppe ist ein Unikat. Alle möglichen Tiere sind in ihrem kleinen Handpuppenzoo zu finden, aber auch ein Apfel mit Wurm. Für die ausgebildete Erzieherin ist aus ihrem Hobby längst ein Gewerbe geworden.

Bis zu 20 Spinnerinnen und ein Spinner kommen jede Woche zum Spinnkreis am Bungsberg. Mangel an Wolle herrscht hier keiner, denn viele von ihnen halten selbst Schafe. Allein Jutta Kohlbeck-Gangl aus Wahrendorf bei Lensahn hält mehr als 90 Schafe in fünf verschiedenen Rassen, darunter Gotländische Pelzschafe, gescheckte Bergschafe und Juraschafe. Mit der großen Vielfalt an Schafrassen tragen vor allem Hobbyzüchter dazu bei, alte und seltene Schafrassen zu erhalten. Die daraus resultierende Vielfalt an Wolle ist ein Segen für die Hobbyspinnerinnen, hat aber auch eine Kehrseite: zu geringe Mengen für die industrielle Wollverarbeitung mit den entsprechenden finanziellen Folgen: „Man kann froh sein, wenn die Wolle so viel bringt, wie das Schären gekostet hat“, so Schafzüchterin Jutta Kohlbeck-Gangl.



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