Selbstbestimmungsrecht oder Werbung – was zählt mehr?

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Warum ich mir meinen Briefkasten nicht von eingeschweißer Werbung zustopfen lasse

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26. Januar 2015, 17:22 Uhr

Eckernförde | Darf ich selbst entscheiden, welche Werbung in meinen Briefkasten gelangt? Ja, ich darf – und ich tu´s!

Vor ziemlich genau vier Jahren bin ich hierher gezogen. Im Gegensatz zu meiner Nachbarin klebte ich bewusst keinen Aufkleber „Bitte keine Werbung“ an meinen Briefkasten. Nun bekam ich also eine bunte Palette an Werbeangeboten, wo und bei wem ich einkaufen sollte. Alles strotzte nur so vor Sonderangeboten, ob es der Fernseher, die Waschmaschine, der Gartenzaun oder das Haarshampoo waren. Was mich interessierte und außerdem in meiner Nähe war, überflog ich dann auch und kaufte es – bei Bedarf.

Den Förde-Express fand ich sporadisch mittwochs in meinem Briefkasten. Er gehört ja eh nicht zur Werbung. Weil ich ab und zu einen Schnappschuss an die Redaktion schicke, will ich auch immer gern wissen, ob man mich ausgewählt hat. Wenn’s denn mal wieder nicht klappt mit der Zustellung, schaue ich bei meinem Einkaufsmarkt um die Ecke rein, da liegt er meistens ein, zwei Tage.

Völlig unbekannt aber war mir ein in Folie eingeschweißtes Werbepäckchen, das ich also aufriss, um nachzusehen, wer mich als Kundin einfangen wollte. Ich stellte schnell fest, dass die Geschäfte weit außerhalb meines Einkaufsradius’ lagen und warf die Prospekte in den Papiermüll – ohne die Folie, die kam in den gelben Sack. Immer wieder trennte ich diese Werbung, um sie immer wieder nur wegzuwerfen.

Eines Tages kam ich auf die Idee, meine Postbotin zu bitten, dieses Päckchen gar nicht erst bei mir einzuwerfen. Es klappte wunderbar – nur an ihren freien Samstagen, alle sechs Wochen, musste ich aufreißen, trennen, wegwerfen.

Ja, und dann hatte ich eines Tages wieder regelmäßig sonnabends diese von mir ungeliebte Werbe-Post. Meine richtig nette Postbotin war nun leider in einem anderen Bezirk nett zu den Postkunden. Also schnappte ich mir den „Neuen“ und bat ihn, das Ritual des Nichteinwerfens fortzusetzen. Er meinte, das ginge gar nicht, wenn denn jeder … und so weiter.

Ich wies auf die Mülltrennung hin, er wischte sie einfach weg. Sein Arbeitgeber hätte allen Postzustellern gesagt, dass man Folie und Inhalt getrost zusammen in den Papier-Container werfen könne. Ich hielt dagegen – nun wurde es ein richtiges Streitgespräch: Der Leiter des Abfallwirtschaftszentrums in Borgstedt habe mir vor kurzem bestätigt, „dass getrennt werden müsse, und wenn die Folie noch so dünn sei“.

Inzwischen hat sogar die Deutsche Umwelthilfe errechnet, dass der Folienverpackungsmüll, den die Deutsche Post an 20 Millionen Haushalte versendet, der jährlichen Kunststoff-Verpackungs-Müllmenge von 83  000 Bürgern jährlich entspricht. Das ist eindeutig zu viel und völlig unnötig, finde ich, und nicht nur ich. Ein junger süddeutscher „David“ hat den Kampf gegen Goliath aufgenommen und bereits Zehntausende Unterschriften gesammelt.

Unser nächstes Streitgespräch ließ nicht lange auf sich warten, denn ich hatte das dickgedruckte Emblem „Einkauf aktuell“ ausgeschnitten, ein großes „Bitte nie“ drüber geschrieben, und nun prangte diese Bitte auf meinem Briefkasten. Das wäre ja noch schöner, meinte er, wenn er noch auf einzelne Wünsche Rücksicht nehmen müsste.

Ich habe dann aber doch gewonnen, denn ich machte ihn auf ein Urteil des Landgerichts Lüneburg aufmerksam, in dem einem ums gleiche Problem streitenden Rechtsanwalt das Recht zugesprochen worden war, selbst zu bestimmen, was man ihm in den Briefkasten werfen dürfe. In Artikel 2 des Grundgesetzes wird Ihnen und mir nämlich unser Selbstbestimmungsrecht garantiert.

Seitdem bekommt meine Nachbarin mit ihrem ausdrücklichen Werbungsverbot auf dem Briefkasten manchmal, wie gerade vorige Woche wieder, Post von unserem gemeinsamen Briefträger, die genauso eingeschweißt ist und den Aufdruck „Einkauf aktuell“ trägt.


PS: Was hindert uns übrigens, freiwillig und selbstbestimmend unserer gemeinsamen Umwelt zuliebe beim Einkauf Plastiktüten zu ignorieren und einfach den Leinenbeutel mitzunehmen?


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