Eckernförde : Sein Wiener Schmäh wird fehlen

A. Stephan
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A. Stephan

Eckernfördes Kulturbeauftragter Sven Wlassack geht nach 23 Jahren in den Ruhestand / Rückkehr in die alte Heimat

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03. Dezember 2011, 07:08 Uhr

Eckernförde | Den Sprung von der österreichischen Millionen- und Kulturmetropole Wien ins kleine Ostseebad Eckernförde ganz hoch im Norden hat Sven Wlassack nie bereut. 23 Jahre hat es der in wenigen Tagen 64-Jährige in der schleswig-holsteinischen Provinz ausgehalten - obwohl er das so nie formulieren würde. Er hat den Norden Deutschlands schätzen gelernt und hier sein gesamtes berufliches Leben verbracht - insgesamt 37 Jahre. Von 1974 bis 1988 in Kiel als Pädagogik-Student und dann als Mitarbeiter des Jugendpfarramtes des Kirchenkreises Kiel. In dieser Zeit hat der Hobbymusiker (Bass, Gitarre) und -sänger das Kleinkunstforum aufgebaut und zu einem Szenetipp entwickelt. Als 1988 in Eckernförde die Stelle eines Kulturbeauftragten ausgeschrieben wurde, hat er sich beworben und gegen 102 weitere Bewerber durchgesetzt - im Oktober ging’s dann los, seine Laufbahn als städtischer Kulturbeauftragter begann. Und am 15. Dezember endet sie nach 23 Jahren, Sven Wlassack wird Privatier. "Ich war im Haus nicht gerade der Unbeliebteste", freut sich Wlassack über das gute Miteinander im Rathaus. Die Kontakte werden zwar weniger, sie werden aber bleiben. "Ich habe es nie bereut, es war eine unglaublich intensive und tolle Zeit. Es hat viel Spaß gemacht, hier zu arbeiten", sagt Wlassack wenige Tage vor Ende seiner Eckernförder Zeit. Im Januar geht er zurück nach Wien, aus familiären Gründen. Eckernförde werde er sich aber immer verbunden fühlen, das Meer ("das wird dramatisch"), die Atmosphäre und gute Freunde vermissen. Dafür aber wird er einige Wochen zur Sommerfrische nach Eckernförde kommen und den Nordlichtern weiter seine erfolgreichen und bis 2012 ausgebuchten Wiener Kultur-Touren anbieten.

Als Kulturbeauftragter hat Sven Wlassack wichtige Akzente gesetzt. Unter seiner Federführung und mit seiner Unterstützung haben sich bestehende Angebote entwickelt, neue sind hinzugekommen, so dass das kontinuierliche Arbeit ein stabiles und pulsierendes kulturelles Netzwerk entstanden ist, das in seiner Vielfalt, Konstanz und Qualität seinesgleichen sucht. Er hat an vielen Stellschrauben gedreht, Verbindungen geknüpft, vermittelt und Neues entwickelt. Mit feinfühliger und kundiger Hand hat Wlassack die Kultur zu einem Markenzeichen Eckernfördes gemacht. Politik und Verwaltung waren klug genug, ihn agieren zu lassen.

Und den Freiraum wusste er zu nutzen. Neue Veranstaltungsreihen wie "Musik der Welt" im Ratssaal, Kindertheater, Weltkindertag, Wiederbelebung der Friedenswoche, das Künstlerhaus, die Reihe LesArt, die Plattdeutschen Kulturtage, das Musenbällchen, Straßentheaterfestival, die Piratentage, die Reihe Neue Musik und vieles andere mehr gingen an den Start. Ein Höhepunkt in seiner Zeit als Kulturbeauftragter sei die 700-Jahr-Feier im Jahr 2002 gewesen. Die Einbindung aller Vereine und Kulturgruppen sei eine immense Aufgabe gewesen, die aber "toll funktioniert" habe. Das entfachte Wir-Gefühl sei dann 2006 beim Schleswig-Holstein-Tag noch einmal "aufgeflammt".

Wlassack arbeitete im Hintergrund, schob an, vermittelte, organisierte. Dabei hatte seine Tätigkeit 1989 mit einem Tiefschlag begonnen: dem Abriss des alten Lokschuppens, der eigentlich ein Kulturhaus werden sollte. Nach dem Mauerfall seien plötzlich die Kosten für die Handwerker explodiert, aus zwei Millionen Mark Baukosten wurden vier Millionen - zuviel für Politik und Verwaltung, der Lokschuppen fiel in einer Nacht- und-Nebel-Aktion. Ein Kulturhaus gibt es immer noch nicht, auch wenn Wlassack es begrüßt hätte. Daher gelte es, die vorhandenen Möglichkeiten bestmöglich zu nutzen. Mit der Galerie 66 in der Alten Bauschule und Carls Showpalast seien zwei interessante Locations dazugekommen, die das Kulturleben bereicherten.

Die "vier K’s" stimmten in Eckernförde: Kommunikation, Koordination, Kooperation sorgten für ein kulturförderliches Klima, sagt Wlassack. Er selbst hat diesen Prozess mit anderen in Gang gebracht und sorgsam gepflegt. Er hat sich dabei immer als Vermittler, als "Rädchen im Getriebe" gesehen, nie als Repräsentant der Eckernförder Kultur auf Abendveranstaltungen. Das sei Aufgabe der Stadtvertreter, nimmt Wlassack Kritikern Wind aus den Segeln, die ihm dann und wann mangelnde öffentliche Präsenz vorgeworfen haben.

Sven Wlassack geht mit der Gewissheit, das Eckernförder Kulturleben wesentlich mitgestaltet und weiterentwickelt zu haben. Das kulturfreundliche Klima sei für ihn weiterhin spürbar, auch wenn der finanzielle Druck vor zwei Jahren zu einer Kürzung des Kultur-Etats von 110 000 auf 80 000 Euro geführt hat.

Seiner Nachfolgerin Andrea Stephan (Foto) - seit 1. Dezember im Amt - empfiehlt er, den Kulturschaffenden mit Offenheit und Zuwendung zu begegnen und auch mal bereit zu sein, ein Risiko einzugehen und ein Projekt zu etablieren, von dem zwar nicht alle, aber sehr wohl sie überzeugt sei.

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