Interview : „Sehnsucht nach dem Ursprung“

Bine und Bernd Knuth bieten Natur- und Erlebnispädagogik auf dem Hof in de Wisch an.
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Bine und Bernd Knuth bieten Natur- und Erlebnispädagogik auf dem Hof in de Wisch an.

Kann Naturpädagogik für mehr Transparenz in der Landwirtschaft sorgen? Interview mit Naturpädagogen Bine und Bernd Knuth.

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23. Januar 2018, 06:34 Uhr

Holzdorf | Bine und Bernd Knuth bewirtschaften den Hof in de Wisch in Holzdorf. 2015 gaben sie die selbstständige Landwirtschaft auf und gaben ihren Viehbestand ab. Fläche und Ställe haben sie verpachtet. Ausgebaut wurde seitdem das Angebot „Urlaub auf dem Bauernhof“, für das beide bereits 2005 gemeinsam eine Zusatzausbildung machten. 2007 schloss Bine Knuth, die gelernte Erzieherin ist, eine Ausbildung zur Natur- und Waldpädagogin an. Heute bieten sie vielfältige Kurse mit Erlebnis- und Naturpädagogik an. Vor dem Hintergrund einer artgerechten Tierhaltung sprach Schwansen-Redakteur Dirk Steinmetz mit ihnen über die Chancen der Naturpädagogik für mehr Transparenz.


Frau Knuth, was ist Naturpädagogik?

Bine Knuth: Naturpädagogik ist das Erleben und Beobachten in der Natur mit allen Sinnen. Sehr früh mit Naturpädagogik hat sich der Kanadier Joseph Cornell befasst. Das war schon in den 80er-Jahren. Vermutlich gab es das vorher auch schon. Wenn ich an meine Kindheit denke, dann haben meine Großeltern uns auch schon in die Natur geführt. Sie haben erklärt, was für Bäume, Sträucher und Kräuter dort wuchsen oder welche Tiere da lebten. Das ist sicher schon ein Stück Naturpädagogik gewesen, ohne dass es so hieß. Ich denke, Natur haben wir einfach als Kinder erlebt, ohne dass es so bezeichnet wurde.

Warum ist Naturpädagogik so wichtig? Die Kinder haben doch in der Schule Biologie, Erdkunde und lernen im Elternhaus viel über Ernährung? Wie erklären Sie sich das Interesse?

Bine Knuth: Die Vermittlung in der Schule ist ein guter Ansatz, aber ich denke, die Kinder sollten mit allen Sinnen – mit Kopf, Herz und Hand – dabei sein. Sie müssen die Natur spüren und anfassen. Sie müssen auch mal Kräuter probieren, sie in die Hand nehmen, riechen und spüren. Es ist einfach die praktische Komponente, die die wenigsten Schulen leisten können. Und das fehlt.

Wenn Bedarf ist nach Naturpädagogik, heißt das zugleich, es gibt ein Defizit für Naturerlebnisse?

Bine Knuth: Defizit würde ich nicht sagen. Ich merke aber, dass sich einige Kinder nicht trauen, etwas ängstlich sind, zum Beispiel ein Huhn anzufassen. Wenn man es als Erwachsener aber vormacht, dann schauen sie sich das schnell ab. Ich mache ja auch Workshops für Ferienkinder, und die sind zumeist aus der Stadt. Sie sind recht zurückhaltend. Naturerlebnisse gibt es in der Stadt halt weniger als auf dem Land. Da fehlt die Erfahrung.

Bernd Knuth: Ich würde schon sagen, dass es ein erhebliches Defizit gibt. Wir merken bei den Kindern, dass sie eine große Sehnsucht nach dem Ursprung haben. Die sind Feuer und Flamme und können sich konzentrieren. Die Naturdinge sind sehr intensiv, weil alle Sinne angesprochen werden. Nur Dinge, die man erfahren hat, kann man auch schätzen.

Sind denn Kinder empfänglicher für Naturerlebnisse als Erwachsene?

Bine Knuth: Nein, ganz bestimmt nicht. Das merke ich immer, wenn die Urlaubskinder da sind. Da haben die Erwachsenen auch immer eine große Sehnsucht zurück zur Natur. Wenn die Eltern ihre Kinder dann abholen, dann fragen sie: „Warum machst du das nicht auch für uns?“

Woran liegt das? Liegt das am anderen Freizeitverhalten und weil Kinder zu wenig draußen sind?

Bine Knuth: Wir haben als Kinder auf der Straße immer draußen gespielt. Das gibt es ja gar nicht mehr. Das Spielverhalten hat sich geändert. Die Eltern sind vielleicht ängstlicher. Und dann natürlich die neuen Medien. Wie früh haben Kinder schon ein Mobiltelefon? Wenn ich durch die Stadt gehe, dann schauen viele junge Leute nur auf ihr Gerät, sie sehen gar nicht, was außen herum passiert.

Hat sich dieses Verhalten seit 2005 verändert?

Bine Knuth: Ja, unbedingt. Es wird immer mehr mit den modernen Medien. Wir merken aber auch, wenn Eltern selber so eine Sehnsucht zu Natur haben, dann wollen sie gerne, dass ihre Kinder Natur erleben.

Wollen sie denn auch Angebote für Erwachsene anbieten?

Bine Knuth: Ja, das haben wir uns vorgenommen. Zumindest für die Feriengäste, das ist ein großer Wunsch.

Noch einmal zu Stadt- und Landkindern. Wie äußerst sich der Unterschied?

Bine Knuth: Wir beobachten, dass Kinder aus Städten mehr Respekt, vielleicht auch Angst, vor den Tieren haben. Selbst die kuscheligen Kaninchen wollen einige nicht streicheln, sie treten zurück, wenn der Stall geöffnet wird. Ihnen fehlt einfach die Erfahrung. Kinder in Dörfern oder auf dem Land kennen dann schon mal Meerschweinchen, Katze oder Hund.

Ab welchem Alter macht denn Erlebnis- und Naturpädagogik Sinn?

Bine Knuth: Ich finde, so früh wie möglich. Warum lässt man die kleinen Kinder nicht schon mal das Fell der Kaninchen oder Schafe streicheln. Viele Eltern sind ängstlich, was Keime angeht oder Krankheiten. Dabei glaube ich eher, die Kinder werden krank, weil sie eben nicht mit dem natürlichen Umfeld Kontakt haben.


Naturpädagogik – Brücke zwischen Mensch und Natur

Bernd Knuth: Mit der Sinneswahrnehmung fängt das an und damit kann man nicht früh genug anfangen. Damit setzt man auch den Grundstein für Kinder, dass sie später offener sind für Sinneswahrnehmungen. Wenn sie vorher abgeschirmt werden von Eltern, die damit auch nicht groß wurden, dann wird es schwer.

Bine Knuth: Im Vorjahr bei der Kartoffelernte. Da waren einige Kinder zögerlich und mochten die Hände nicht in die Erde stecken, um Kartoffeln zu ernten. Am Ende aber haben die Kinder mit den Händen das ganze Beet umgegraben und waren sehr zufrieden. Vor allem die Eltern waren glücklich, denn ihre Kinder kamen überglücklich nach Hause und erzählten noch eine Woche lang von ihren Erlebnissen. Das motiviert uns sehr.

Wäre das nicht eine Aufgabe der Eltern, solche Erlebnisse zu vermitteln?

Bine Knuth: Vielleicht haben die Eltern keine Zeit oder Möglichkeiten dafür. Vielleicht kennen sie sich mit Gartenarbeit nicht aus. Wir wurden mit Gartenarbeit im Gemüsegarten groß. Das ist natürlich heute ganz anders. Es ist ja schon gut, wenn Eltern mit den Kindern Frisches einkaufen und sie so Gemüse kennen lernen. Es geht sonst viel Wissen verloren.

Naturpädagogik heißt ja auch, dass man Kreisläufe erklärt und vermittelt. Bei Gemüse stelle ich mir das einfach vor, wenn ich aber an Fleisch, beispielsweise Hühnchen denke, dann ist es für Kinder vielleicht eine harte Wahrheit, dass die Hühner dafür sterben müssen. Wie vermitteln Sie das?

Bine Knuth: Ich bin dann immer ganz direkt. Wenn die Hühner keine Eier mehr legen, dann landen sie im Suppentopf. Man muss den Kindern klar sagen, das Tier wird geschlachtet. Das kann nicht ewig leben. Als wir noch Bullen hatten, da fragte ich bei der Hofführung, wer isst denn Hamburger? Und alle Finger gingen hoch. Und das ist das Fleisch dafür, sagte ich und zeigte auf die Rinder. Statt oh Gott, gab es Ach und viel Verständnis.

Bernd Knuth: Jeder möchte doch, dass die Tiere, die er später geschlachtet isst, ein tiergerechtes Leben führten. Wer sieht, wie die Tiere hier leben und der auch Hintergrundinformationen hat, der hat dann auch Verständnis dafür. Fleisch gehört zu einer ausgewogenen Ernährung dazu, das begann schon in der Steinzeit. Als Verbraucher kann ich doch wählen, wo kommen die Tiere her, deren Fleisch ich esse. Und wenn mir das zusagt, dann kann ich doch guten Gewissens das Fleisch essen.

Ist die Naturpädagogik eine gute Brücke, um den Bezug des Menschen zur Nahrung, zur Herkunft von Gemüse und Fleisch, wiederherzustellen?

Bine und Bernd Knuth: Auf jeden Fall.

Müsste Naturpädagogik dann nicht Bestandteil der Schulausbildung sein, um auch mehr Transparenz zu schaffen?

Bernd Knuth: Zumindest ein Besuch auf dem Bauernhof müsste dringend auf dem Lehrplan stehen. Tierhaltung, oder Landwirtschaft allgemein, sind doch auch Thema im Unterricht. Die ganze Gesellschaft redet doch über artgerechte Tierhaltung. Es ist gut, wenn sich Schüler auf den Höfen selber eine Meinung machen können. Und wenn die Klassen nicht auf die Höfe kommen, dann müssten vielleicht Landwirte in Schulen und Kitas gehen.

Bine Knuth: Unabhängig von Lehrplänen möchte ich mein Wissen weitergeben. Naturpädagogik bietet viele Möglichkeiten und das zu allen Jahreszeiten, ich freue mich auf viele interessierte Menschen.

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