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Asylantrag abgelehnt : Schwerkrankes Kind steht kurz vor der Abschiebung

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der elfjährige Arun aus Afghanistan hat schwere epileptische Anfälle. Im Falle einer Abschiebung könnte sich sein Zustand verschlimmern.

Eckernförde | Früher waren die Anfälle heftiger. Da krampfte der Junge minutenlang, seine Augen zitterten, der Atem ging stoßweise. Die Epilepsie verfolgte das Kind. Manchmal waren es zehn Anfälle am Tag, übers Jahr gesehen mehrere hundert. Heute ist Arun medikamentös gut eingestellt, der Elfjährige krampft nicht mehr so stark, und wenn doch, gibt es Notfallmedikamente, die ihn entspannen. Doch damit ist es vielleicht bald vorbei. Der Junge kommt mit seiner Familie aus Afghanistan. Fünf Jahre, nachdem die Eltern mit ihrem Sohn nach Deutschland kamen und als verfolgte Hindus Asyl beantragten, müssen sie wieder zurück. Der Antrag der in Rieseby lebenden Familie wurde in mehreren Instanzen abgelehnt.

Abschiebungen von Asylbewerbern aus Afghanistan sind umstritten, weil es in dem Land immer wieder zu Anschlägen der radikal-islamischen Taliban kommt.

Für Frank Wunder ist das eine schlimme Vorstellung. „In Afghanistan wird Arun nicht die Behandlung erhalten können wie hier. Dann werden seine Anfälle wieder schlimmer“, sagt er. Frank Wunder ist der Schulbegleiter des Elfjährigen, der auf die Schule am Noor geht. Aufgrund der vielen Anfälle ist das Gehirn geschädigt, der Junge geistig behindert. „Aber er hat sich gut entwickelt“, sagt der Schulbegleiter. „Er kämpft jeden Tag aufs Neue.“ Auch Schulleiterin Ulla Engel beschreibt Arun als „fröhliches Kind, das Kontakt zu seinen Mitschülern gefunden hat“. Eine Rückführung nach Afghanistan kann sie nicht befürworten: „Arun ist hier in sehr guter ärztlicher Betreuung. Und die braucht er auch.“

Doch davor steht das Urteil des Schleswig-Holsteinischen Oberverwaltungsgerichts in Schleswig, das eine konkrete Gefahr für Leib, Leben und Freiheit der vierköpfigen Familie bei ihrer Rückkehr nach Afghanistan nicht erkennen kann. „Wir wurden als Hindus von den Taliban bedroht und diskriminiert“, sagt dagegen Aruns Vater Gopal Kapoor. „Zunächst versuchten sie, von uns Geld zu erpressen, dann vertrieben sie uns aus unserem Heim und drohten uns schließlich mit dem Tod.“ Für Hindus und Sikhs aus Afghanistan gilt jedoch kein genereller Flüchtlingsschutz in Deutschland.

Ulla Engel und Frank Wunder sind sich einig: Eine Abschiebung würde für Arun ein Leben zwischen epileptischen Anfällen und der Angst vor dem Tod bedeuten. Ein Kinderarzt hat in einem Attest bestätigt: „Im Zuge einer Rückführung nach Afghanistan ist mit einer massiven Verschlechterung des Gesundheitszustands von Arun zu rechnen. Nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Medikamente. Im Falle einer Zunahme der Anfälle kann es auch zu lebensgefährlichen Situationen kommen, zum Beispiel durch die Gefahr einer Aspiration.“

Um auf den medizinischen Zustand des Kindes hinzuweisen, hat Frank Wunder mit dem Vater zusammen einen Antrag auf einen Behindertenausweis beim Landesamt für soziale Dienste gestellt. „Wir haben alle Unterlagen von Ärzten, Lehrern und dem Epilepsie-Zentrum in Raisdorf beigefügt“, sagt er. Doch es gebe ein Problem: Für eine Anerkennung muss laut Wunder der Antragsteller einen aktuellen Duldungsstatus von mindestens drei Monaten haben. Und damit ist es seit Sommer vorbei. Jetzt läuft die Frist am 29. Dezember ab, dann muss die Familie offiziell ausreisen.

Am 15. Dezember sprach der Vater jedoch beim Fachdienst Zuwanderung des Kreises Rendsburg-Eckernförde als für die Ausreise zuständige Behörde vor und reichte Atteste zum Gesundheitszustand des Kindes ein. „Am gleichen Tag haben wir unser Gesundheitsamt gebeten, Arun Kapoor auf Reisefähigkeit hin zu untersuchen“, sagt Kreissprecher Martin Schmedtje. „Bis zur Entscheidung des Gesundheitsamtes werden wir keine abschiebenden Maßnahmen einleiten.“ Allerdings gehe es dabei lediglich um die Feststellung der Reisefähigkeit, also die Zeit unmittelbar vor der Ausreise, die Reisezeit und die Zeit unmittelbar nach der Ausreise. „Ob eine medizinische Versorgung im Heimatland gegeben ist, die ausreicht, eine Krankheit des Ausländers zu behandeln oder eben nicht, entscheidet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.“

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erstellt am 26.Dez.2016 | 17:26 Uhr

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