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Eckernförder Zeitung

23. August 2017 | 14:29 Uhr

Anno dazumal : Schule wie vor 100 Jahren

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Aktionstag rund um die Mühle und das Museum in Gettorf. Windmühlen- und Verschönerungsverein gibt nostalgischen Rückblick auf die Schulzeit

Sie haben sich ganz vorne vor die große Tafel gesetzt. Peter (10) bekommt einen dunklen Matrosenkragen umgelegt, Lena (9) eine gestreifte Kittelschürze an und ein kariertes Kopftuch auf. Vor ihnen auf den dunkelgrünen, abgenutzten Schulbänken aus Holz liegen Schiefertafel und Griffelkasten. Christine Strüfing, die Lehrerin, trägt eine weiße Bluse, Brosche und einen langen blauen Rock. „Früher durften Lehrerinnen nicht verheiratet sein“, erzählt sie. Die Kinder sagen also Fräulein Strüfing.

Von über der Tafel schaut Kaiser Wilhelm herunter. An der Wand hängt eine Palästina-Karte, das Kreuz und die Schuluhr sind vorgeschrieben. Es riecht nach alten Büchern. Die Lehrerin lässt Peter und Lena die Hände auf die Bank legen, inspiziert die Fingernägel. „Sehr schön sauber“, sagt sie. Wenn sie etwas fragt, erklärt sie, müssen sie aufstehen, aus der Bank heraustreten und in ganzen Sätzen antworten. Das i soll gelernt werden. Sie schreibt das alte deutsche Sütterlin-i vorne an der Tafel vor. „Rauf runter rauf und Pünktchen obendrauf“, erklärt sie dazu. Dann sind die Kinder dran. Erst mit dem Griffel auf der Schiefertafel, dann mit Federhalter und Tinte aus dem Fässchen in ein Heft. „Sehr schön“, lobt sie. Zum Glück. Denn die Strafen sind hart damals. Wer frech ist oder die Hausaufgabe nicht gemacht hat, bekommt mit dem Lineal oder dem Rohrstock auf die Finger oder noch schlimmer, muss den Eselskopf aufsetzen und hinten auf die Eselsbank.

Eine Schulstunde wie vor 100 Jahren präsentierte gestern die pensionierte Lehrerin Christine Strüfing aus Kiel in ihrer alten Schulstube im Heimatmuseum Gettorf zum Aktionstag rund um Mühle und Museum des Gettorfer Windmühlen- und Verschönerungsverein. Bis zu ihrer Pensionierung 2007 hat sie 20 Jahre lang als Rektorin die Grundschule in Felm geleitet. Die alte Schulstube, die sie in vielen Jahren zusammengetragen hat, wird nun als neue Leihgabe im Gettorfer Heimatmuseum verbleiben.

Auch Helga Ballert (74) und Christa Ausmeier (78), Besucherinnen aus Gettorf, setzen sich in eine der alten Schulbänke und versuchen sich mit dem Griffel auf der Schiefertafel an die Sütterlin-Schrift zu erinnern, die sie mal gelernt haben. Christa Ausmeier wurde 1942 mitten im Krieg in Husum eingeschult. Eine reine Mädchenklasse, erzählt sie. „Unsere Schürzen mussten immer sauber sein, sonst kriegest du eine hinter die Ohren“, weiß sie noch genau. Und sie mussten jeden Tag ein Brikett mitbringen, damit die Schule geheizt werden konnte. Helga Ballert kam 1946 in Kiel zur Schule. „Wir mussten morgens immer Choräle singen“, erinnert sie sich. Und es regnete durch. Dann saßen sie mit Regenschirm in der Klasse. Christine Strüfing ist ganz glücklich. „Ich bin sehr dankbar dass die Gettorfer so interessiert sind“, sagte sie. Sie hat 200 Jahre Schulgeschichte im Dänischen Wohld erforscht und möchte ihr Wissen gern weitergeben. Durch die Schulstube und den dazugehörigen Unterricht, erhoffen sie und der Vereinsvorsitzende Dr. Dieter Kolbe, eine neue Beziehung zwischen Schule und Museum in Gettorf zu schaffen. Schulklassen können sich für den Unterricht wie vor 100 Jahren anmelden. Dafür werden noch dringend Schiefertafeln, Griffel und Griffelkästen benötigt. „Das müssen sich noch mehr Kinder anschauen“, meinte auch Bürgermeister Jürgen Baasch überzeugt. „Heute arbeiten sie doch alle mit PC oder Laptop.“ Das, was der Verein auf die Beine stellt, überrascht ihn immer wieder. Er dankte den Verantwortlichen im Namen der Gemeinde außerordentlich dafür, dass sie so Wertvolles für die Zukunft erhalten. Auch draußen war einiges los. Der Agrar-Oldtimer-Club Dänischer Wohld präsentierte landwirtschaftliche Geräte und bot trotz Nieselregen Rundfahrten an, Imkerin Bodil Maria Busch erklärte, wie Honig entsteht, Kinder übten Fischstechen, es gab Kaffee, Kuchen und Grillwurst, die Niendörper Dörpskapell spielte volkstümliche Musik.

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