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Eckernförder Zeitung

23. November 2017 | 01:08 Uhr

Schottischer Schüttelflug

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Über den sturmdurchtosten Wolken Schottlands ... „keine sichere Landung möglich“ / Ein ungnädiger Troll am Steuer des Zubringerbusses

von
erstellt am 07.Apr.2014 | 13:52 Uhr

Im Flugzeug zu sitzen und dem Ziel entspannt entgegen zu schweben- das genießt man. Doch Fliegen kann sich auch wie fliegen anfühlen - jenseits allen Genießens.

Der Airbus aus Hamburg kommend schiebt sich beim Landeanflug auf Heathrow zielsicher durch dichte, milchig-trübe Wolkenballen. Eine weiche, sichere Landung folgt trotzdem. Umsteigen. Mein Anschlussflug nach Glasgow verzögert sich wegen einer aufkommenden Gewitterfront mit begleitenden Sturmböen - höre ich aus der Durchsage. Dennoch wir dürfen bald an Bord. Das Unwetter wird wohl inzwischen abgezogen sein. Es dämmert bereits.

Die wenigen Fluggäste verlieren sich in den Sitzreihen. Regen prasselt inzwischen gegen die Kabinenfenster. Start. Die Flughöhe ist zwar erreicht doch das Lämpchen mit dem Hinweis, die Sitzgurte geschlossen zu halten, erlischt nicht; die Instruktion über die Sicherheitsvorkehrungen entfällt. Bei den wenigen Fluggästen, wozu auch. Die Dunkelheit gibt mir das Gefühl, als stecke unser Flugzeug reglos in einer kompakt-zähen Masse fest wie in einem Stau. Nur das leise Rauschen der Kabinenbelüftung täuscht Geschwindigkeit vor. Die schummrige Kabinenbeleuchtung schaltet meine Aufmerksamkeit auf den Sparmodus zurück. Die Augenlider werden schwer.

Aus der Traum. Eine Bö hebt das Flugzeug urplötzlich und lässt es ebenso schnell wieder fallen und zeigt, wo oben und wo unten ist; die nachfolgenden Böen schieben es nach rechts, nach links, dann wieder nach oben und lassen es fallen. Eine Bö nach der anderen packt das Flugzeug genau so wie die Brecher einer Sturmsee ein Schiff auch schlingern lassen. Ich ziehe den Sitzgurt stärker zu. So entgehe ich der jähen Schwerelosigkeit.

Entschuldigung … der Service muss leider ausfallen. „… danke“, meldet sich der Kapitän. Britischer Humor. Die Kaffeetasse wäre unter diesen Umständen wie ein Komet einen braunen Schweif hinter sich her ziehend durch die Kabine geflogen. Der torkelnde Blindflug nimmt kein Ende als sei das Flugzeug in Geiselhaft des Sturms. Ich lebe in endlosen Augenblicken. Irgendwann keimt doch noch ein Hoffnungsschimmer auf, denn dicht unter einer Tragfläche beleuchten die Landescheinwerfer die Rollbahn. Der Tanz dürfte jetzt vorbei sein, auch wenn das Flugzeug noch etwas quer zur Landebahn geradeaus fliegt. Jetzt müssten die Räder aufsetzen … müssten.

Ein mächtiger Druck presst mich zurück in den Sessel, das Cockpit zeigt steil nach oben wie bei einem Kampfjet, die Triebwerke heulen, das Flugzeug vibriert. Sekunden später tanzt der Sturm wieder mit uns wie zuvor - ...durchgestartet... -. Erst nach einer Weile meldet sich der Kapitän mit gebröckelten Wortfolgen: „Damen und Herren / keine sichere Landung möglich / zu starker Seitenwind / jetzt Flughafen in Dundee / liegt hinter einem Bergrücken / können sicher landen ... danke...“ Optimist.

Unerwartet sanfte Stille danach. Offenbar schleichen jetzt wir hinter einem Bergrücken sturmgeschützt auf unseren Ausweichflughafen zu. Wo sind wir? Tastende Suche nach einem Bezugspunkt draußen. Die Nacht gibt nichts preis. Kein Lichtpunkt am Boden. Einfach nichts. Fliegen wie in einer Endlosschleife. Ein Gefühl von Ewigkeit kriecht heran.

Ein harter Stoß von unten. Mein Kopf knickt nach vorn. Der Sitzgurt zerrt mich zurück. Die Triebwerke dröhnen kurz auf. Bremsen knurren. Das Flugzeug steht abrupt. Druck auf den Ohren. Fensterblick: „Landeplatz für Bohrinselversorger“, raunt einer, der es weiß, denn die Nacht umstellt uns mit undurchsichtigen Vorhängen. Nur ein paar Scheinwerfer beleuchten von hohen Masten Containerstapel. Sie werfen lange schwarze Schatten auf den nass glitzernden Betonboden. Regenschwaden ziehen durch die Lichtkegel wie im Windzug schwingende zarte, weiße Gardinen.

Ein paar dunkle Gestalten nähern sich dem Flugzeug. Ich denke unwillkürlich an Edgar Wallace und Agatha Christie. Ein Bus rollt langsam heran, nimmt uns auf - nicht nach Hogwarts, wohl aber zu einer mitternächtlichen Geisterfahrt, denn der Busfahrer, ein ungnädiger Troll, steuert den Bus ungebremst nach Glasgow zurück, 130 rabenschwarze Kilometer weit. Im Scheinwerferkegel des Busses erwarte ich jeden Augenblick einen frontal auf uns zukommenden Falschfahrer. Ach ja, Linksverkehr.

Der Troll fährt aber auch wie ... Mir wird übel. Durchhalten, wie zuvor beim Fliegen.

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