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Eckernförder Zeitung

24. August 2017 | 01:49 Uhr

Schmerzhaftes Ringen der Seele

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Überwätigende Vorstellung von Sibylle Dordel als Camille Claudel, Muse von Auguste Rodin

Wer am Sonnabend im Haus an der Reeperbahn war, wird bestätigen: Man hat wohl selten ein so erschütterndes Theaterstück gesehen. Sibylle Dordel spielte, oder besser war – die französische Bildhauerin Camille Claudel, bekannt unter anderem als Geliebte und Muse von Auguste Rodin.

Mit 18 Jahren kommt Camille Claudel (1864 – 1943) zu Rodin (1840 – 1917), dem bekannten, arrivierten und bedeutend älteren Bildhauer, seines Zeichens Macho und Pariser Frauenheld. Beide verlieben sich.

Camille hatte sich in den Kopf gesetzt, ebenfalls Bildhauerin zu werden, obwohl sie wusste, dass es zu der Zeit noch denkbar schwer war, als Frau in einem künstlerischen Beruf – und gar dem der Bildhauerin - Erfolg zu haben. Eine symbiotische Beziehung entsteht, Camille lernt viel und arbeitet Rodin uneigennützig zu. Sie ist seine Muse.

Er hat aber auch Rose, die er später heiratet. Nach zwölf Jahren gemeinsamer Arbeit und letztlich unerfüllter („skandalöser“) Liebe trennt sich Camille und hat mit ihrer ersten eigenen Ausstellung großen Erfolg in Paris.

Camille verkraftet die Trennung jedoch nicht, leidet unter Verfolgungswahn, hat Angst, vergiftet zu werden und wird als „Schandfleck“ von ihrer Familie in ein Irrenhaus eingeliefert. Hier lebt sie noch 30 Jahre bis zu ihrem Tod.

Die Schauspielerin Sibylle Dordel hat sich ganz in die Ängste, Erfahrungen, Gedanken und Erinnerungen dieser unglücklichen Frau hineingearbeitet. Sie hat alles studiert, was sie an Quellen fand, war selbst in der Anstalt Montevergues bei Avignon, in der Camille „vergraben“ war. Gut vorbereitet, schrieb die Schauspielerin den Text selbst und spielt ihn in dem Ein-Frau-Stück „Walzer in der Nacht …“.

In der Anstalt ist Camille qualvoll einsam – von allen guten Geistern verlassen, ihren Ängsten ausgeliefert. Die sensible Künstlerin flüchtet sich in Gespräche mit dem toten Vater, mit dem abwesenden Bruder, beschwört Vergangenes herauf, spürt Hass, Liebe, Verzweiflung nach.

Ein Albtraum. Das ist alles so intensiv, dass man in das Geschehen hineingezogen wird. Man leidet und sehnt sich mit – fühlt empathisch den Seelenschmerz und die endlose Qual der Verlassenheit.

Im Anblick der lumpenumwickelten Hände friert man mit in dieser gottverlassenen Anstalt, meint die Schreie anderer Irrer zu hören, kann sich irgendwann auch nicht mehr des überwältigenden Mit-Leids erwehren.

Sibylle Dordels überragende und intensive Begabung, Camille zu verkörpern, macht den Zuschauer sprachlos, die Wirkung ihres Könnens ist unausweichlich und – tief betroffen – möchte man am liebsten – weinen.



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