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Eckernförder Zeitung

23. November 2017 | 16:08 Uhr

Schlachtfest 1944 oder: Wunderschönes Chaos

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Wie zwei findige Jungen statt bei der Ernte zu helfen Schlachtfest spielten

Wir kannten uns vom Kühe hüten, eine sehr angemessene Tätigkeit für Evakuierte beziehungsweise deren Sprösslinge (ich war damals vier Jahre alt). Beim Schreiben fällt mir auf, dass meine Mutter und ich ja eigentlich Flüchtlinge waren. Innerdeutsche zwar, aber glücklich in einem 600-Seelen-Dorf Nähe Augsburg einquartiert. Und ich kann aus der Erfahrung der Jahre 1941-1946 nur bestätigen, was heute im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage gesagt wird: Die Integrationschancen sind im ländlichen Umfeld wesentlich besser.

Damals kannte ich natürlich das Wort Integrationschancen noch nicht. Ich wusste nur: Der etwa gleichaltrige Sohn des Bürgermeisters war mein Freund und ich seiner. Es muss wohl schon Herbst gewesen sein, Spätherbst vermutlich, denn, wieso kamen wir auf die Idee, Schweineschlachten zu spielen. Keine Angst: Bis auf Max kam niemand ernstlich zu Schaden. Auch das Wort „nachhaltig“ kannte ich damals noch nicht. Alle waren im spätherbstlichen Ernteeinsatz und man konnte uns offensichtlich - was sonst durchaus nicht üblich war - nicht gebrauchen.

Das war ein Fehler!!

Max kam auf die Idee. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich der war, der ins Allerheiligste des Bürgermeisterhauses, nämlich ins elterliche Schlafzimmer, eindringen würde, um ein pralles Paradekissen zu entwenden. Schnell war im nicht minder feierlichen Esszimmer ein hochlehniger Stuhl so platziert, dass wir das Kissen wie ein soeben abgestochenes Schwein an die Rückenlehne binden konnten. Max holte das schärfste Messer aus der Küche und machte den ersten Schnitt. Vorsichtig zeigten sich einige Daunen, die sich aber eilig unter die nach weiteren erstaunlich sachkundigen Schnitten herausquellenden zarten Gänsefedern - eben Daunen - mischten. Der Vergleich mit dem beim Schlachten zu bewältigenden Innereien war perfekt, vermutlich auch unser Ziel. Nicht so perfekt war, dass sich der Inhalt des überdimensionierten Kissens nicht wie beim richtigen Schlachten in einer ausreichend bemessenden Wanne versammeln konnte.

Nach kurzer Zeit war der gesamte Fußboden zentimeterdick wie mit Neuschnee bedeckt. Dem ausgerechnet jetzt hereinkommenden Vater - also dem Bürgermeister - konnte man weder den Vorwurf des zu spät noch den des zu früh machen. Er hätte nach den von uns wohlgesetzten, fast schlachtermäßigen Schnitten ins Innere des Paradekissens keine Chance gehabt, das eigentlich wunderschöne Chaos zu verhindern. Aus seiner Sicht war er zum rechten Zeitpunkt am rechten Ort. Mein offensichtlich normal ausgebildeter Fluchtinstinkt beschleunigte meinen sehr spontanen Abgang, und ich hatte den unmissverständlichen Zugriff des Vaters auf meinen Freund in die Augenwinkel verdrängt.

Ob Max seine obligatorischen Lederhosen anbehalten durfte, hat er mir nie erzählt.


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