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Konzerterlebnis im „Spieker“ : Rio Reisers legitime Erben

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Hamburger Rockband „Komitee für Unterhaltungskunst“ lässt die legendären Songs von Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben wieder lebendig werden. Grandioser Auftritt im „Spieker“.

Sonnabendabend, auf der Bühne an der Hafenspitze rockt „United Four“ in gefleckter Kuhfell-Optik, etliche hundert, wenn nicht tausend Besucher gehen mit. 600 Meter weiter hafeneinwärts wird ebenfalls Musik gemacht. Der Spieker ist voll, es gibt nur noch Stehplätze, es ist eng, das Leben tobt auf der Bühne und im Saal, am Tresen herrscht Hochbetrieb.

Vorne auch. Fünf Mann auf der Bühne. Die Combo nennt sich in Gedenken an die unselige DDR-Vergangenheit und die perfiden Organe der Schnüffel- und Spitzelstaates „Komitee für Unterhaltungskunst“, das es drüben wirklich einmal gab. Der schräge Name ist das eine, aber Namen sind schnell Schall und Rauch, wenn dahinter nur ein laues Lüftchen wartet. Das, was die etwa 80 Besucher am Sonnabend zeitweise von den Sitzen riss und die Stehenden heftig ins Grooven brachte, war alles andere als heiße Luft. Es war ein Konzerterlebnis erster Güte und Leidenschaft pur. Rio Reiser, dem das fünfköpfige „Komitee“ seine Aufwartung machte, dürfte an diesem Abend im Himmel eine Ehrenrunde geflogen sein. Denn was die Hamburger Rockband, allen voran Sänger Christian Rudolf, dem angefixten Publikum bot, war ein durch Mark und Bein gehender Auftritt in heißer Clubatmosphäre mit allem, was Rio Reiser und dessen legendäre Anarcho-Band Ton, Steine, Scherben zur Ehre gereicht. Dass der Sänger auch Schauspieler („Lindenstraße“) ist, ist ein Segen und zu merken. Er packte das Publikum, machte Späße über sein schweißdurchtränktes Hemd („Das ist kein Satinhemd“) und machte mit seinen lockeren, zupackenden Zwischentönen, in denen er immer wieder auf aktuelle politische Themen wie der Diesel-Betrugsmaschinerie oder den Regierungs-Irrsinn in den USA anspielte, aus brav zuhörenden Menschen mittleren und höheren Alters schwer mitgehende Konzertaktivisten. Rudolf spitzte sie immer wieder an, als Gruppe oder individuell („Du trägt das Halstuch doch auch wegen der Knutschflecken“) und holte sogar eine junge Frau, Sängerin Julia aus Flensburg, zum Mitsingen auf die Bühne.

Die Band war klasse, die Originalvorlage natürlich auch, und der Rahmen im alten, engen Hafenspeicher stimmte. Bei Null Eintritt und der freiwilligen Spendengabe, die wie immer im Spieker in der Original Kopfbedeckung des Vaters von Spieker-Betreiber Thomas Kunkowski eingesammelt wird, entwickelte sich – übrigens nicht nur an diesem Abend – ein einzigartiges Konzert höchster Intensität. Beseelt von den politischen Botschaften und der aufrüttelnden Kraft des linken Liedermachers und Kult-Sängers Rio Reiser („Keine Macht für Niemand“, „Rauch-Haus-Song“, „Alles Lüge“), der’s aber auch gefühlvoll kann und wunderschöne Balladen („Zauberland“, „Nur dich“, „Junimond“) geschrieben hat, tourt das „Komitee für Unterhaltsungskunst“ durch die Republik, um Reisers Vermächtnis unters Volk zu bringen. Wie reflektiert die Band das macht, beweist die Ansage von Christian Rudolf, den Song „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ nicht zu spielen, weil man diesen Ansatz heute in seiner Radikalität nicht mehr vertreten kann.

Völlig ausgepumpt und verschwitzt ließ es das „Komitee“ nach gut drei Stunden gut sein. Die Besucher erlebten einen eindrucksvollen Abend ganz nah am Original, der für viele wie ein Jungbrunnen gewirkt hat. Applaus fast ohne Ende war Dank für dieses besondere Erlebnis. Er galt neben Sänger Christian Rudolf den famosen Musikern Christoph Meyer-Janson (Keyboards), Michael Rode (Gitarre), Karlo Buerschaper (Bass) und Björn Kempcke (Schlagzeug).

Und sicher zum Teil auch „Spieker“-Betreiber Thomas Kunkowski und seinem Team für diese außergewöhnliche Location, in der es vier Konzerte pro Woche gibt.

>www.spieker-eckernfoerde.de


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