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Ringreiten – das erste Nachkriegs-Sportereignis

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Aus der Not der Nachkriegszeit blühte langsam wieder Zuversicht und Lebensfreude

In unserem 1000 Seelen-Dorf verfünffachten im Nachkriegsherbst 1945 Flüchtlinge, Ausgebombte, Evakuierte und ehemalige Kriegsgefangene die Vorkriegseinwohnerzahl. Da brach trotz Hungersnot wilder Nachholbedarf aus. Auf seiner Hauskoppel veranstaltete der Kröger erstmals wieder Ringreiten und danach in der großen Scheune Tanz. Ich war 13 Jahre, hatte Wehrertüchtigung, Flucht und Bombennächte erlebt. Obwohl ich oft bei Bauern für ein Mittagessen aushalf und vierspännig Erntewagen als Leitpferdreiter fuhr, durfte ich zwar mit üben, aber nicht mitreiten. Nur Bauern oder ihre Söhne waren in der Lage, Erbsen oder Graupen für die Gulaschkanone zu liefern, die von Militäreinquartierung im Dorfkrug zurückgeblieben war, und nur einer von ihnen konnte König werden, um reichlich Rübenschnaps zu spendieren. Letzterer, überall selbstgebrannt, war Zahlungsmittel. Unsere Familie, Eltern mit drei Kindern, hauste in einem 12 Quadratmeter-Zimmer, wo in einer Ecke eine Ballonflasche voll Zuckerrübenschnitzel gärte und gluckste. Sommer- wie wintertags brannte ein alter Kohleherd, beheizt mit Sprockholz, auf dem entweder Essba-res oder der Schnapsbrenner kochte. Wer nichts zu tauschen hatte, „organisierte“, war ständig mit dem Rucksack unterwegs, bettelte bei Bauern oder streifte durch Wald, Feld und Flur wie zu Urzeiten als Jäger und Sammler. Widerliches wurde geprüft, ob es essbar wäre, ähnlich wie es heute im Fernsehen im „Dschungelcamp“ abläuft.

Die ersten Ringreiterfeste waren mehr Rummel als Sport, eher grimmiges Aufbegehren als heiterer Spaß. Das Reiten ohne Sattel sollte jedoch versucht werden, plastisch nachzuempfinden, denn auf abgemagerten Ackergäulen quälten hervorstehende Rückgrate den Steiß ihrer Reiter bis zur Gehbehinderung. Es ging letztlich nicht darum, zu gewinnen, sondern um den Trübsinn für ein paar Stunden loszuwerden.

Zum Fest trugen viele Damen Röcke aus rotem Fahnenstoff und Blusen aus Fallschirmseide, die Herren eingefärbte Uniformteile. Einige ältere Jacketts zeigten einen helleren Fleck, dort prangte einst das Parteiabzeichen. Braune Vergangenheit wurde mehr aus Vorsicht denn aus Scham totgeschwiegen, seitdem am Tage der Kapitulation der Förster, ein strammer Nazi, von seinen Zwangsarbeitern erschossen worden war. Gelegentlichen Besuchern, die ausländisch sprachen, Besatzungssoldaten oder den ehemaligen Kriegsgefangenen begegnete man möglichst gar nicht oder mit penetranter Höflichkeit und sammelte ihre Zigarettenkippen auf.

In der großen Scheune unten im Stall, wo im Winter Milchkühe standen, waren Tröge und Jaucherinnen mit Parkettplatten überdeckt. Die Stalltüren des Tanzstalls blieben offen, und mischten den Stallgeruch mit reichlich Frischluft. Ein paar Streben und Kopfbänder bremsten leidenschaftliches Herumschwenken. Über den Riesendeckenbalken lagerte duftendes Heu und Stroh, darin auch gern Pärchen, die der Kröger mit der Forke vertrieb, weil Brandgefahr drohte; denn es gab noch nicht die Pille danach, sondern zur Entspannung die gemeinsame Zigarette. Vom Dachfirst klapperte es aus einem Storchennest. Bald wur-den mehr Babys geboren als während der sechs Kriegsjahre. Mancher Spätheimkehrer verzweifelte daran, bei seiner Gattin mehr Kinder vorzufinden als die, von denen er aus der Feldpost wusste. Not und Hunger ließen Heroismus, Kultur und Moral abblättern wie alten Putz. Diese ersten Feste wirkten wie Überdruckventile. Für Bier hatte kaum jemand Geld. Der Krieg wurde mit Selbstgebranntem aus den Hirnen gespült und das mit voller Absicht bis zum Umfallen. Zwei tödliche Unfälle bei diesen Orgien wurden als letzte Kriegsopfer beklagt.

Nach drei Jahren waren solche Exzesse vorbei, die meisten Einquartierten bereits weggezogen, die Hauptbeteiligten Familienväter geworden oder nunmehr interessierter an Motorrädern, neuen Treckern, Sandbahnrennen und Wettpflügen. Bei Dorffesten überwogen bereits Jüngere, die keine Uniformen getragen hatten. Tanzveranstaltungen nahmen zu, das Ringreiten ab. Bei letzten Wettbewerben räumte ein reich gewordener Pferdeschlachter alle Preise auf einem alten Zossen ab, der auf der Stelle galoppierte, so dass er Ringe bequem abzupfen konnte. Jazzmusik erklang jetzt aus Saxophonen. Pauken und Posaunen verstummten.

Mit jedem neuen Trecker sank die Anzahl der Pferde. Auch „Milchpferde“ für Fahrten zur Molkerei hatten ausgedient. Die Milchkannen holten Lastwagen an der Chaussee ab von dafür errichteten Holzpodesten. Es gab wieder Schul- und Konfirmandenunterricht, Sitte und Anstand, Polizei und Vorschriften, zum Beispiel Zäune, Hecken und Mauern wieder als Eigentumsgrenzen zu beachten. Privatwald und Koppeln durften nicht mehr unerlaubt betreten werden. Das Wirtschaftswunder kam, sowie Lastenausgleich, Umsiedlung, Zeitungen, Radio und bezahlte Arbeit.

Ich wurde nochmal Schüler, dann Zimmererlehrling in Kiel. Ans Ringreiten erinnerten gelegentlich in der Imbissbude gegenüber dem zerbombten Bahnhof die Pferdewürstchen. Mehr gab meine Lohntüte nicht her, weil ich für ein Studium sparte an der einzigen mir damals erreichbaren „Bauschule“ Eckernförde.







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erstellt am 08.Mai.2014 | 11:21 Uhr

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