Richard Vosgerau - ein Leben für die Sozialdemokratie

Richard Vosgerau Foto: ez
Richard Vosgerau Foto: ez

Avatar_shz von
03. Mai 2010, 03:59 Uhr

Eckernförde | Heute vor genau 65 Jahren sind in der Neustädter Bucht mehrere deutsche Schiffe von britischen Jagdbombern in Brand geschossen und versenkt worden - unter ihnen auch die "Cap Arcona", auf der sich tausende KZ-Häftlinge befanden. Die meisten sterben, nur wenige überleben. Sie waren zuvor aus verschiedenen Konzentrationslagern zusammengetrieben worden, um mit den Schiffen verfrachtet zu werden. Auch die Insassen aus Neuengamme waren dabei. Unter ihnen wahrscheinlich auch Richard Vosgerau, ehemaliger Arbeiterführer und Gemeindevorsteher aus Borby, nach dem eine Straße und eine Schule benannt sind.

Richard Vosgerau wird 1889 als fünftes Kind eines Eckernförder Klempners geboren. Sein Vater gehört zu den Mitbegründern des ersten sozialdemokratischen Arbeitervereins, so dass die Wurzeln für Vosgeraus späteres Wirken gelegt sind. Nach der Volksschule und einer Bäckerlehre absolviert Vosgerau seinen Wehrdienst und arbeitet in der Kaiserlichen Werft in Kiel.

1912 kehrt er nach Borby zurück und heiratet seine Frau Maria, geborene Soltau. Vosgerau tritt der SPD bei und engagiert sich aktiv in der örtlichen Organisation. Sein Engagement wird vorläufig gekrönt, als er im März 1914 ihr Vorsitzender wird. Wenige Monate später wird er eingezogen - der Erste Weltkrieg ist ausgebrochen.

1921 wählt der Ortsausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) Vosgerau zu seinem Gewerkschaftssekretär. In dieser Rolle ist er an vielen Streiks und Arbeitskämpfen beteiligt und erwirbt sich seinen Ruf als respektierter Arbeiterführer.

Bei den Kommunalwahlen 1929 erreichen SPD und Kommunisten die Mehrheit in der Borbyer Gemeindevertretung, Vosgerau wird zum Gemeindevorsteher gewählt. In diesem Amt sorgt er für eine Verbesserung der Infrastruktur der Gemeinde, verschafft Arbeitslosen Arbeit, sorgt für günstigen Wohnraum und saniert den Haushalt der Gemeinde.

Doch mit dem Nationalsozialismus kommt das Ende. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Sozialdemokraten bei den Kommunalwahlen im März 1933 das gleiche Ergebnis wie 1929 erreichen. Noch im gleichen Jahr nehmen die Nazis Richard Vosgerau in "Schutzhaft". Der Vorwurf: Vosgerau habe 40 000 Reichsmark aus dem Gewerkschaftsvermögen unterschlagen. Eine Lüge und ein Vorwand für die Nazis, das Gewerkschaftsvermögen zu beschlagnahmen.

Im November 1933 wird Vosgerau entlassen und ist lange arbeitslos, bis er sich als Vertreter und Bezirksleiter einer Lebensversicherungsgesellschaft eine neue Existenz aufbauen kann - stets unter der Beobachtung der Gestapo. Ihm wird vorgeworfen, weiterhin die Bürger von der Treue zum Nationalsozialismus abzuhalten. Als bei einem Besuch Adolf Hitlers in Eckernförde der Jubel der Arbeiter nur verhalten ausfällt, soll Vosgerau verschwinden: Die Gestapo bietet ihm an, nach Kiel zu ziehen, was Vosgerau auch macht. In Kiel ist er als Gebietsleiter einer Versicherungsgesellschaft tätig.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hält der Tod Einzug bei der Familie Vosgerau: Zwei Söhne und mehrere Neffen fallen an der Front, sein Haus wird zerbombt. So ziehen seine Frau und er zurück nach Borby auf ein Grundstück in der Hasenheide, das seine Frau geerbt hatte.

Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 kommt es zu einer weiteren Verhaftungswelle, der auch Richard Vosgerau als alter Funktionär der Arbeiterbewegung zum Opfer fällt. Nun kommt er ins Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg.

Nach der Befreiung des KZ warten Familie und Freunde lange auf seine Rückkehr. Doch Richard Vosgerau kommt nicht. Er erlebt das Ende des Krieges nicht mehr. Wahrscheinlich kommt er beim Angriff auf die "Cap Arcona" ums Leben.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen