zur Navigation springen

Reinigung mit der Nagelbürste? Freispruch für die Pflegerin

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

von
erstellt am 12.Jan.2016 | 00:36 Uhr

Was geschah in der Nacht vom 19. auf den 20. August 2014 im Zimmer des damals 81-jährigen, schwer an Demenz erkrankten Bewohners eines Pflegeheims im Dänischen Wohld? Diese Frage können nur zwei Menschen beantworten: Der Geschädigte, der Verletzungen im Gesicht davongetragen hat, und die Nachtwache, die den am ganzen Körper mit Kot beschmutzten Mann gereinigt hat und ihn dabei, so die Anklage, so heftig mit einer Nagelbürste an Körper und Gesicht abgeschrubbt haben soll, dass er Hautverletzungen und Prellungen im Gesicht erlitten hat. Die Aussage des Mannes hätte vor Gericht aufgrund seines Zustands keine Beweiskraft gehabt, und die 62-jährige Pflegerin stritt gestern vor dem Amtsgericht jeden körperlichen Übergriff bei der Reinigung des Heimbewohners ab. Sie habe den Mann gereinigt, allerdings mit Wasser, darin gelöstem Duschgel, Waschlappen und Handtüchern. Zudem habe sie den von ihm zu drei Viertel herausgerissenen künstlichen Stoma-Zugang und einen Katheter wieder befestigt, das Kot-verschmutzte Laken und Bettzeug abgezogen und das Bett wieder neu bezogen. Die von ihr aus dem Vorratsschrank im Personalraum geholte neue Nagelbürste, mit der sie dem Mann die verschmutzten Fingernägel reinigen wollte, hatte die Angeklagte im Schwesternzimmer mit dem Hinweis liegen lassen, dass sie es aufgrund anderer Arbeiten nicht mehr geschafft habe und der Tagesdienst dies doch bitte erledigen sollte. „Ich habe ihn sauber und ordentlich verlassen“, erklärte die Altenpflegerin nach dem halbstündigen Einsatz gegen 3.40 Uhr. Anschließend musste sie sich bis 6.30 Uhr um die übrigen 29 Heimbewohner kümmern. „Es war eine unruhige, stressige Nacht mit einer herumgeisternden Bewohnerin und zwei aggressiven Bewohnern.“ Bei der Übergabe habe sie den Vorfall „grob geschildert“. Die Vorwürfe der Schichtleiterin gegenüber der alarmierten Polizei, die Pflegerin habe ihn „mit der Nagelbürste abgeschrubbt, stimmt nicht: Gott ist mein Zeuge.“

Was tatsächlich in der Nacht in dem Zimmer passiert ist, konnte nicht ermittelt werden. Die der Körperverletzung angeklagte Altenpflegerin ist gestern von Richter Martin Leinhos freigesprochen worden: „Wir wissen nicht, was mit dem Mann passiert ist.“ Er konnte gar nicht anders urteilen. Schon der Staatsanwalt hatte in seinem Schlussplädoyer eingeräumt, dass die Vorwürfe zwar schwer wiegen, ein Nachweis über die Schuld der Angeklagten aber nicht zu führen und sie daher getreu dem juristischen Grundsatz in dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten) freizusprechen sei. Ursächlicher Grund dafür waren die nicht belastbaren und teilweise widersprüchlichen Aussagen der Hauptbelastungszeugin. Die Schichtleiterin hatte beispielsweise behauptet, dass sie in dem Heim nie Nagelbürsten gesehen habe. Vier weitere Zeuginnen, allesamt aus dem Pflegeteam, erklärten das Gegenteil. Auch die unterschiedlichen Aussagen einer weiteren Zeugin vor der Polizei und vor Gericht ließen beim Staatsanwalt und beim Richter Zweifel an der Glaubwürdigkeit aufkommen.

Die beschuldigte Altenpflegerin, die aufgrund ihrer nach Auskunft von zwei Zeuginnen etwas unfreundlichen, ruppigen Art von einigen Bewohnern auch „Schwester Rabiata“ und „Schwarze Hexe“ genannt wurde, hat nach dem Vorfall die Kündigung erhalten, hat aber eine andere Arbeitsstelle gefunden. Die Schichtleiterin berichtete, dass sich der verletzte Heimbewohner durch den Übergriff verändert habe und nicht berührt werden wollte. „Es hat ein bis zwei Wochen gedauert, bis wir uns ihm wieder nähern konnten.“ In der Dokumentation habe sie dann recherchiert, dass mehrere Bewohner nach Nachtwachen der Beschuldigten auffällige Hämatome davongetragen hätten. Mehrere Kollegen hätten ihr gegenüber geäußert, sie sei „unsanft, unfreundlich und ungeduldig“. Selbst habe sie wenig mit ihr zu tun gehabt, „sie wirkte auf mich oft überfordert“.

Inzwischen arbeiten die Schichtleiterin und zwei weitere Pflegerinnen nicht mehr in dem Heim.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen