Rauf und runter, bis der Akku endlich leer war

Kleine Moritat einer Kranken(haus)geschichte.
Kleine Moritat einer Kranken(haus)geschichte.

Unruhige Nacht im Krankenhaus: Kojenbedienung als nächtliches Spielgerät

von
30. Juli 2015, 17:13 Uhr

Ich war wieder einmal dran. Wieder OP 5. Wintergarten, wegen der vielen Fenster, Südwestseite, sehr sonnig, Hanglage, etwas für Feriengäste und nicht für mich als Patient. Das Problem war, irgendjemand hatte den halben Operationstisch geklaut. Ich musste mit der „LmaA“-Pille im Kopf gleich von meiner hereingeschobenen Koje in den „Pflaumenbaum“ steigen. Von Null in den Spagat. Als Sportlehrer hätte ich meinen Schülern eine runtergehauen, wenn das einer versucht hätte, ohne sich vorher warm zu machen. Im meinem Alter traut man uns mehr zu.

Nach 30 Minuten war das überstanden, der Nierenstein hatte sich versteckt. Prozedur wurde auf ein Weiteres verschoben. Die anschließenden Katheterexperimente hätte ich besser überstanden, wenn ich früher wildere Freundinnen gehabt hätte, so aber war das sehr schmerzhaft.

Auf meinem Zweibettzimmer lag ein über 90-Jähriger. War von der Leiter gefallen. Nein, durch die Leiter gefallen, denn eine Sprosse war gebrochen, schlimme Sache. Er durfte sich nicht bewegen, sollte ruhiggestellt bleiben. Am nächsten Tag in ein Altenheim verlegt werden und fünf Wochen im Rollstuhl verbringen. Sein Sohn machte ihm Vorwürfe, weil sein Vater nicht die Alu-Leiter benutzt hatte anstatt der morschen hölzernen. Ich kenne diese Art von Holzleitern aus der Zeit meines Großvaters, die mit Dachlatten ummantelt den Holzwürmern trotzten, eigentlich gar nicht mehr so aussahen, aber immer noch so hießen.

Nachts um 1.20 Uhr kam mein Kammerpartner in Fahrt. Schnappte sich die Kojenbedienung und begann damit zu spielen. Koje rauf ssssssht, ssssssht, ssssssht, Koje runter, ssssssht, ssssssht, ssssssht, danach Kopfteil und Fußteil, nach oben und nach unten, immer ssssssht, ssssssht, und dann alles wieder von vorn. Ohne Unterbrechung immer in kurzen Intervallen.

Eine halbe Stunde hörte ich mir das an, dann zog ich ihm den Stecker. Doch ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das Bett hatte einen Akkumulator. Weiter ging’s! Ssssssht, ssssssht, ssssssht, immer rauf und runter.

Kurz vor vier gab dann endlich der Akku seinen Geist auf. Ich entwand dem Spieler die Tastatur, verdrehte diese in der Mechanik so, dass er sie nicht mehr erreichen konnte. Er hatte inzwischen eine Körperhaltung ähnlich eines Klappmessers erlangt, eine Haltung wie im freien Fall. Koje in den Anschlag, in die Endlage gefahren, Füße gegen die Decke, Kopf zwischen den Beinen, eine Schonhaltung, bewegungsunfähig, wie vom Arzt nicht anders erwartet, eigentlich verordnet, kam er so seiner Patientenpflicht nach.

Als die Stationsschwester um 7 Uhr mit den Pillen kam, wunderte sie sich, dass mein Bettnachbar so in dieser Körperhaltung überhaupt geschlafen hatte ... das hat er aber nicht.



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